Der Werber-Rat
Zurück statt Zukunft

Apple präsentiert mit seiner Uhr wieder einmal die Zukunft. Und damit ein Musterbeispiel des Marketings. Manche Unternehmen sind indes noch nicht einmal in der Gegenwart angekommen.
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Apple also. Die Uhr. Das kalifornische Unternehmen hat mal wieder gezeigt, wie eine Produktkampagne so perfekt inszeniert wird, dass die ganze Welt hinschaut - ohne dass zunächst auch nur ein einziger Werbedollar fließt. Die Apple-Watch kommt zwar erst Anfang nächsten Jahres auf den Markt - doch schon jetzt warten Millionen Konsumenten ungeduldig auf diese Uhr, ich übrigens auch. Apple lockt wieder einmal mit der Zukunft. Ein Musterbeispiel des Marketings.

Und doch ist das mit der Zukunft so eine Sache bei einigen Unternehmen. Sie setzen, zum Nachteil ihrer Kunden, lieber auf platte Vergangenheit. Das musste ich in Hamburg erfahren, vor wenigen Tagen. Über meine Taxi App rufe ich ein Fahrzeug. Das Taxi kommt rasch, die Tour dauert etwas länger. Der Fahrer, norddeutscher Zungenschlag, gibt sich etwas spröde. Irgendwie kommen wir doch ins Gespräch. Was er erzählt, ist das Gegenstück zu Apples Haltung, den Kunden zu umgarnen. Es ist eine Art graue Parallelwelt.

Der Taxifahrer erzählt, dass seine Mutter, mit 87 Jahren, kürzlich gestorben ist. Er habe nun alle Hände voll zu tun, deren Wohnung aufzulösen. 50 Quadratmeter, zwei kleine Zimmer, vollgestellt mit Schränken, alter Kleidung, Geschirr und Nippes.

So weit nicht ungewöhnlich, doch dann kommt die deutsche Gründlichkeit ins Spiel. Der Vermieter, eine Genossenschaft, erwarte, dass die Wohnung in den Originalzustand zurückversetzt wird, schimpft der Taxifahrer. Er solle die Wohnung so zurückgeben, wie sie von seinen Eltern zu Mietbeginn übernommen wurde, damals, 1952. Also vor 62 Jahren! Seine Eltern hatten zwischenzeitlich ein Badezimmer eingebaut, regelmäßig die Wände tapeziert, den einstigen Nachkriegslinoleumboden mit Teppichen und Laminat belegt, die Wohnung also in Schuss gehalten.

All das solle er rausreißen und das Badezimmer gleich mit, sagt der Taxifahrer. Der zuständige Mann von der Wohnungsgenossenschaft lasse sich auf nichts anderes ein und poche auf den Originalzustand. Dabei wisse doch niemand mehr, so der Fahrer, wie die Wohnung vor 62 Jahren ausgesehen habe. Die Wohnungsgenossenschaft jedenfalls scheint nicht mal in der Gegenwart angekommen zu sein.

Die Autorin:
Marianne Heiß ist Finanzchefin der Agentur BBDO Germany. Sie ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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