Energie

Atomreaktor wird Milliardengrab
EDF legt Hollande strahlendes Kuckucksei ins Nest

Der Atomreaktor Flamanville wird zum Milliardengrab für EDF. Der Meiler ist bereits unrentabel, bevor er ans Netz geht. Das kostet nicht nur den Energieversorger Geld, sondern ist auch für Präsident Hollande unangenehm.
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ParisBessere Bedingungen für den Bau eines neuen Atommeilers als in Frankreich kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen: Staatspräsident und Regierung stützen das Projekt, die Bevölkerung protestiert nicht, die Gewerkschaften stehen voll hinter der Atomkraft und die Technik kommt aus dem eigenen Land. Frankreichs Stromversorger EDF hatte eine Riesenchance, mit dem Neubau in Flamanville an der Kanalküste die Leistungsfähigkeit der Nukleartechnologie zu beweisen und allen Atommuffeln eine Nase zu drehen.

Und dann das. Die Kosten des EPR, eines verbesserten Druckwasserreaktors, wurden bei Baubeginn 2005 mit 3,3 Milliarden Euro angegeben. Mittlerweile haben sie sich fast verdreifacht. 8,5 Milliarden Euro müssten nun veranschlagt werden, gab der weitgehend staatliche Konzern am Montag nach Börsenschluss bekannt.

Am Dienstag folgte der nächste Schlag: Die italienische Enel zieht sich aus Flamanville zurück. Folge für EDF: Das Unternehmen muss den Italienern gut 610 Millionen Euro zahlen, damit wurde die Beteiligung bewertet.

Für EDF wäre es inzwischen eigentlich besser, der Meiler ginge nie ans Netz, denn er wird eine strahlende Verlustmaschine sein. Mit jeder Kilowattstunde Strom, die Flamanville erzeugt, verliert EDF Geld. Die Erzeugungskosten werden von Greenpeace auf zehn Cent pro Kilowattstunde geschätzt, das wäre noch deutlich teurer als Windstrom und rund das Doppelte des Preises an der Strombörse.

EDF selber dementiert nicht, dass der EPR inzwischen unrentabel ist: „Wir haben nie die Rentabilität des Atomstroms anhand eines einzelnen Kraftwerks berechnet, erst recht nicht, wenn es um das erste Exemplar einer Serie geht wie beim EPR“, sagte der zuständige EDF-Manager Hervé Machenaud. Auch das ist eine Art, zuzugeben, dass die Anlage Geld verbrennen wird.

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Für Atomkraftfreunde wird es nicht einfacher

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  • @ einBOESERbuerger
    Ich will die Bemühungen deutscher AKW-Betreiber nicht schmälern und mir ist klar, dass es sowohl beratungsresistente Autofahrer als auch AKW-Betreiber gibt. So unbekannt ist mir die japanische Mentalität nicht. Fukushima wäre um nichts sicherer geworden, wenn Sie ihre AKWs abgeschaltet hätten. Und wenn wir unsere Autos stehen lassen, der Nachbar kann uns immer noch auf dem Fußweg totfahren. Wir müssten ihn schon rechtzeitig unter Arrest stellen, um dem wirksam vorzubeugen. Es sei denn, wir bleiben zu Hause.
    Als Konsequenz aus der Ignoranz der Japaner hätte die Atomlobby energischen öffentlichen Druck aufbauen müssen, um sich durchzusetzen. Ich vermute, dass das unterlassen wurde, um nicht die Skepsis der Öffentlichkeit auf die eigenen Anlagen zu lenken und es stellt sich daraus die Frage nach der Dunkelziffer. Trotz aller Bemühungen lassen sich die Restrisiken der Atomkraft nicht ausschließen und auch nicht soweit reduzieren, dass sich ein Versicherer dafür findet. Wenn sich aber nicht mal ein Versicherer einen rationalen Umgang zutraut, wer dann?!
    Es ist deshalb verständlich, wenn viele dazu neigen, auf Nummer sicher zu gehen. Ebenso viele neigen ja auch dazu, die Risiken zu ignorieren. Mit den Risiken des Verkehrs wird meines Erachtens ebenso unsachlich umgegangen. Wer sich ins Flugzeug oder Auto setzt, macht das aber freiwillig. Andererseits lassen wir 40-Tonner mit 50 Sachen einen halben Meter an Kindern vorbeiballern, die nur ihrer Schulpflicht nachkommen. Und genauso wenig kann man den Risiken der Atomkraft entgehen, selbst wenn man Ökostrom bezieht.
    Warum trotz aller Gefahren noch AKW am Netz sind, ist für mich unverständlich. Aber leider brauchen wir demokratische Mehrheiten, um uns der Risiken zu entledigen. Das Vorsorgeprinzip gilt leider nicht für die Atomkraft, obwohl es wegen der weit reichenden Wirkung von Unfällen gerade dort ausnahmslos greifen müsste.

  • Daß das EEG die Häuslebauer freut, das glaube ich gerne. Deren Gewinne sehe ich regelmäßig auf meiner Stromrechnung!

  • @merxdunix
    Ich freue mich über eine sachliche Antwort. In der Tat, ist es die Kunst, vor dem Schaden klug zu sein, deshalb die vielen regelmäßgen Analysen in unserem Kraftwerkspark, deswegen die Trennung von Erstellung / Betrieb und Kontrollorganen.
    Und selbverständlich haben wir ‘unserem Nachbarn’ Japan Defizite aufgezeigt, Lösungen angeboten, weit vor Fukushima, aber zufälligerweise auch sehr zeitnah davor. Wenn Sie sich näher mit Japan beschäftigen, werden Sie schnell darauf stoßen, dass das Land eine sehr starke Unabhängigkeitskultur pflegt. Das gilt auch für Entscheidungsfindungen. Was nicht selber als gut und notwendig gefunden wird, wird nicht umgesetzt. Das gilt auch im Bereich der Kerntechnik. Auch ist das Bitten um Hilfe keine japanische Stärke.
    Also wären wir wieder bei dem Nachbarn, er ist beratungsresistent und nun lassen alle anderen Ihren Wagen stehen? Kollektivhaftung?
    Ist der Wunsch nach absoluter Sicherheit von uns allen wirklich gelebt? Niemand steigt aus Angst vor Strahlung nicht ins Flugzeug, oder nicht ins Auto, aus Angst einer von den 3600 Toten / Jahr zu werden. Ich plädiere nicht dafür unser Risikopotential zu erhöhen. Aber ich plädiere dafür rational damit umzugehen und unsere deutsche Wirtschaft nicht durch Politikgeplänkel und Wahltaktik den Bach runter gehen zu lassen.
    Ich bin auch nicht gegen eine Umgestaltung der Energieversorgung. Die Entwicklung der Menschheit und unserer technischen Lösungen muss weiter gehen. Aber ich bin gegen ein TUN OHNE VORHER ZU DENKEN. Dieses sinnlose Geldvernichten, zielloses Fördern von Erneuerbaren, ohne wirtschaftlich einsetzbare Speichertechnologie ist absurd. Damit bleibt die Stromgewinnung aus Solar und Wind ein add-on in der Versorgung und nicht die Basis einer verlässlichen Stromversorgung. Ok, zurück zu Gas und Kohle, CO2, wenn schert’s!!
    Und noch eine Frage an die Leserschaft: Wenn die Gefahr aus den Stromproduktion in Kernkraftwerken so hoch ist, wieso sind dann noch Anlagen am Netz?

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