Energie

Energiewende
Der Stromspeicher-Irrglaube

Nach Audi und Siemens lässt jetzt auch RWE Strom aus Wind- und Sonnenkraft in Gas umwandeln. Die Konzerne preisen die Speichermethode als Rettung der Energiewende. Dabei ist die Technologie womöglich völlig überflüssig.
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DüsseldorfWer hätte gedacht, dass ausgerechnet das Wetter Deutschlands Energiekonzerne mitsamt dem Stromnetz ins Wanken bringen würde. Egal ob es stürmte, regnete oder schneite – jahrelang galt: Die Atom- und Kohlekraftwerke von RWE und Eon liefern zuverlässig so viel Energie wie eben gerade in der Bundesrepublik gebraucht wird. Starke Schwankungen im Stromnetz kannten die beiden Elektrizitäts-Schwergewichte ebenso wenig wie rote Zahlen. Das ist heute ganz anders.

Seitdem Bundeskanzlerin Angela Merkel die Energiewende eingeläutet hat, genießen Strom aus Wasser-, Wind- und Sonnenkraft sowie Energie aus Biomasse und Erdwärme Vorfahrt im deutschen Stromnetz. Die Folge: Einerseits verlieren RWE und Eon ihre Geschäftsbasis. Andererseits passen Energieverbrauch und Produktion immer seltener zusammen. Denn die Erzeugung von Grünstrom ist stark witterungsabhängig.

An warmen Sommer- und Frühlingstagen, wenn die Sonne scheint und parallel der Wind über der Nordsee eifrig bläst, liefern die erneuerbaren Energien mehr Strom als die Deutschen benötigen. An kalten Wintertagen ist es umgekehrt: Solar- und Windkraftwerke erzeugen kaum Elektrizität, weil der Himmel bewölkt ist und Flaute herrscht. Just in dieser Jahreszeit ist aber der Strombedarf am höchsten. Die Lösung für das Problem? Energiespeicher.

Eine der vielversprechendsten Methoden, um Strom aus Wind und Sonnenkraft langfristig zu bunkern, besteht darin, überschüssige Elektrizität in Wasserstoff und Sauerstoff aufzuspalten. Der Clou dabei: Wasserstoff lässt sich ins Gasnetz einspeisen und kann später verbrannt und so wieder in Strom verwandelt werden. Nach Audi, Linde und Siemens treibt mit RWE jetzt ein weiteres Milliardenunternehmen die Methode voran. Der angeschlagene Essener Energieriese startete Montag, den Betrieb seiner ersten Power-to-Gas-Anlage in Ibbenbüren, einer Kleinstadt in der Nähe von Münster.

Die Konzerne wollen mit dem Ausbau und der Weiterentwicklung der Speichertechnologie nichts weniger, als die verkorkste Energiewende retten. „Der Einsatz von Power-to-Gas-Anlagen wird langfristig unverzichtbar“, sagte Arndt Neuhaus dem Handelsblatt. Der Chef von RWE Deutschland ist überzeugt, dass nur das Erdgasnetz ausreichend große Kapazitäten bietet, um riesige Mengen an Energie zu speichern.

Kommentare zu " Energiewende: Der Stromspeicher-Irrglaube"

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  • @ diverse:
    1. Einige unterliegen hier einem Gedankenfehler: selbst wenn 100% der maximal möglichen Nachfrage an LEISTUNG durch konventionelle Kraftwerke zusätzlich abgedeckt werden müssten, so würden diese aber während der "Zufallseinspeisung" von Wind und Sonne zumindest keinen Treib- oder Brennstoff verbrauchen und damit deutlich die Importe verringern
    2. Ist es nicht nötig ein 100%-iges Leistungs-Backup zu haben, denn einen 100%-igen Ausfall im gesamten Bundesgebiet tagsüber von Sonne und auch nachts von Wind gibt es nicht
    3. Ist es durchaus möglich Strom zu vernünftigen Kosten zu speichern, ob allerdings eine umständliche und kapitalintensive Variante, wie PtG, hierzu geeignet ist, bezweifle ich auch.
    4. Bei der Betrachtung des Speicherbedarfs ist zu unterscheiden zwischen Leistungs- und Kapazitätsbedarf und zwischen Tages- und Langzeitspeicher;
    hierfür sind jeweils unterschiedliche Techniken zielführend.
    5. Allen gemeinsam aber ist die sehr geringe Auslastung auf der Einspeiseseite, diese liegt nach übereinstimmenden Aussagen und Berechnung bei ca. 200 bis max. 400 Volllast-Stunden per anno.
    6. Und hier liegt die Crux der meisten Speichersysteme: alleine die Investitionskosten liegen meist deutlich über 1.000 €/kW Leistung- bei o.g. Auslastung resultieren Kapitalkosten in Höhe von ca. 1,- €uro je EINGESPEICHERTER Kilowattstunde - hinzu kommen dann noch Wirkungsgradverluste
    7. Eine sinnvolle Betrachtung des gesamten Stromspeicher-Prozesses bedarf einer Zerlegung in seine einzelnen Komponenten:
    - Einspeicherung
    - Ausspeicherung
    - Speicher-Kapazität
    Die Komponente Einspeicherung MUSS deutlich kostengünstiger (Faktor 10) realisiert werden, was auf absehbare Zeit nur über eine einfache thermische Widerstandsheizung möglich ist
    Die Komponente Ausspeisung kann deutlich geringere Leistung haben und erreicht dadurch wiederum hohe Auslastungsgrade.

    Der Bedarf an Speicherkapazität bedarf einer längeren Betrachtung, dafür reichen die noch fehlenden 0 Zeichen nicht aus

  • Ja genau. SIE haben Recht und die volle Ahnung.
    Auch ihre Art und Inhalte der Argumentation sind angemessen, korrekt und fundiert. Sie sind ein ganz toller kluger Mensch.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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