Airlines expandieren, doch die guten Strecken gehen aus
Billige Überflieger geraten in Europa unter Druck

Die führenden Manager deutscher Billig-Fluggesellschaften erwarten im nächsten Sommer einen noch intensiveren Verdrängungswettbewerb innerhalb des boomenden Industriezweiges. Dabei geraten insbesondere die europäischen Marktführer Ryanair und Easyjet unter massiven Expansionsdruck, weil sie ihre gerade bestellten Flugzeuge in den Märkten Europas unterbringen müssen.

FRANKFURT/M. „Ryanair versucht bereits jetzt mit Gewalt, Flieger in den Markt zu drücken. Die Expansion stößt an ihre Grenzen“, sagte Air-Berlin-Chef Joachim Hunold auf einem Diskussionsforum in Frankfurt. Neben Ryanair sei auch Easyjet „auf gutem Wege, sich zu übernehmen“, fügte Friedrich-Wilhelm Weitholz, Vorstandschef von Eurowings, hinzu.

Beide Billig-Airlines haben zu Beginn des Jahres mit einer dreistelligenZahl von Flugzeugbestellungen die gesamte Luftverkehrsbranche aufgeschreckt: Die irische Ryanair bestellte 100 Boeing-Jets, um Easyjet als Europas Marktführer ablösen zu können. Die Briten konterten wenig später mit einer Order über 120 Airbus. Beide nutzten die Not der Flugzeughersteller aus, die wegen herber Auftragsrückgänge hohe Rabatte gewährten.

Immer mehr Branchenbeobachter rechnen jedoch damit, dass die Bestellungen des Guten zu viel waren. Von der britischen Insel aus konnten sich Ryanair und Easyjet zunächst zwar nahezu ungehindert in Europa ausbreiten. Doch jetzt, da die lukrativsten Flugstrecken von Billig-Anbietern besetzt sind, stoßen die Überflieger auf Widerstand. „Egal ob Lufthansa, Air France oder KLM: Die europäischen Kurzstrecken werden von den großen Linien-Carriern vehement verteidigt“, sagt Weitholz. Die Deutsche Lufthansa will in der nächsten Woche ein neues Effizienzprogramm für den Europaverkehr vorstellen – dessen Kosten sollen ab 2004 um etwa 20 % reduziert werden. Mit der Einführung von Shuttle-Flügen würde sie sich den Kostenstrukturen der Billigflieger annähern und deren Expansionspläne empfindlich stören.

Darüber hinaus haben sich konzernunabhängige Fluggesellschaften wie Air Berlin im Markt etabliert. Mit seinem Mix aus Ferien- und Billigflügen von vielen deutschen Flughäfen aus wächst Air Berlin ähnlich rasant wie Ryanair und Easyjet. Nach 6,7 Millionen Passagieren im Jahr 2002 wird Air Berlin 2003 bereits 9,5 Millionen Gäste fliegen, teilte das Unternehmen mit.

Branchenexperten erwarten, dass der Verdrängungskampf nächsten Sommer in seine entscheidende Phase tritt. Bisher expandierte Ryanair nur zögerlich im deutschen Markt, Easyjet machte einen großen Bogen um das von Billig-Anbietern übersäte Land. Eine geplante Übernahme der Deutschen BA ließen die Briten kurzerhand platzen.

Jetzt aber steht Easyjet, die sich bis 2010 ein jährliches Wachstum von 25 % vorgenommen hat, erneut vor der Tür: Die Entscheidung für Deutschland sei definitiv gefallen, heißt es in Branchenkreisen. Als Favoriten für die erste deutsche Easyjet-Basis gelten Berlin-Schönefeld und Köln/Bonn – ausgerechnet jener Airport, an dem sich bereits zwei Billig-Airlines – Germanwings und Hapag-Lloyd Express (HLX) – bekämpfen: „Ein klares Zeichen dafür, dass die guten Strecken allmählich ausgehen. Der Markt ist endlich“, sagt ein Branchenanalyst. Wolfgang Kurth, Chef des Tui-Billigfliegers HLX, geht deshalb von weiteren Übernahmen in der Branche aus: „Ich bin davon überzeugt, dass einer der Großen vielleicht noch in diesem Jahr, spätestens aber 2004 wieder zuschlagen wird.“

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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