Auf dem Handelskongress
Steinbrück redet „für ein Glas Wasser“

Den jährlichen Branchentreff des deutschen Handels nutzte der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, um für sich zu werben – allerdings interessierten sich seine Zuhörer zunächst nur für eine Frage.
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BerlinWahlkampf beim Deutschen Handelskongress: Nachdem die Bundeskanzlerin seine Attacken bei der Haushaltsdebatte im Bundestag ignoriert und sachlich ihre Regierungsarbeit verteidigt hatte, wechselte der designierte SDP-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück die Bühne.

Er nutzte seinen Vortrag beim Branchentreff des Handels, um für sich zu werben. Schließlich saßen im Saal zahlreiche Vertreter des mit 400.000 Unternehmen und einem Jahresumsatz von etwa 422 Milliarden Euro drittgrößten Wirtschaftszweigs in Deutschland.

Allerdings waberte in Anbetracht der hitzigen Debatte über Steinbrücks hohe Redehonorare, die ihm in den vergangenen Wochen einen herben Imageverlust beschert hatten, zunächst nur eine Frage durch die Reihen: Ob Steinbrück denn wohl etwas für seinen Auftritt bekommt? Letztlich war man sich unter den Zuhörern jedoch einig: Nein. Und Steinbrück sagte in der an den Vortrag anknüpfenden Fragerunde mit ZDF-Moderatorin Dunja Hayali, er rede „für ein Glas Wasser.“

Sein Thema: „Für eine neue Balance zwischen Markt und Gemeinwohl“. Er holte weit aus, skizzierte noch einmal die Krise von der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers bis zum Straucheln einzelner europäischer Staaten – mit all der Maßlosigkeit und den Exzessen, vor allem an den Kapitalmärkten und bei den Banken. Das führe bei vielen Menschen zu dem Gefühl, die Märkte hätten keine Grenzen.

„Diese Krise könnte mehr Kosten als Geld – nämlich Zustimmung und Legitimation“, warnte er. Man könne es einfach formulieren als „Not frisst Demokratie“. Das sei in einigen europäischen Ländern schon Wirklichkeit und koste Stabilität.

Die Lösung für das Problem lieferte Steinbrück gleich mit. „Intakte Institutionen sind wichtig, um Spielregeln zu schaffen – und zwar auch, um eventuell Ladenöffnungszeiten festzulegen, Herr Mandac.“ Ein Seitenhieb auf den im Publikum sitzenden Chef der Warenhauskette Kaufhof. Dieser hatte zuvor in einer anderen Diskussionsrunde für Öffnungszeiten rund um die Uhr plädiert und Steinbrück von der Bühne aus direkt angesprochen.

Die Menschen müssten verstehen, dass sie „manchmal die Politik brauchen“, rief Steinbrück in den Saal. Denn diese sorge mit dafür, dass ein Teil der Gesellschaft nicht abstürze. „Und da bin ich bei dem Begriff Gemeinwohl“, sagte er. In Deutschland gebe es rund acht Millionen prekär Beschäftigte, die in einer Parallelwelt leben würden. „Da ist die Balance wieder gestört.“ Um die Gesellschaft zusammenzuhalten, brauche es öffentliche Institutionen und diese bräuchten Ressourcen, also Steuern.

Am Ende warf er die Frage auf, wer denn an die Stelle von Parteien und Politikern treten solle: Bürgerinitiativen, ein Ältestenrat oder gar Talkshows? Zum Ende bat er um etwas mehr Respekt für die Politik – und einen pfleglicheren Umgang.

Und Steinbrück wäre nicht Steinbrück, wenn er den jüngsten medialen Affront gegen sich unkommentiert lassen würde. Die „Bild“-Zeitung hatte berichtet, Steinbrück sei mit der Gratis-Bahncard Erster Klasse für Bundestagsabgeordnete zu gut bezahlten Vorträgen gefahren. „Hat diese Republik denn nicht andere Probleme als den Umgang mit meiner Netzkarte bei der Deutschen Bahn AG?“

 
Kirsten Ludowig
Kirsten Ludowig
Handelsblatt / Stellvertretende Ressortleiterin Unternehmen & Märkte

Kommentare zu " Auf dem Handelskongress: Steinbrück redet „für ein Glas Wasser“"

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  • Wer liest denn diesen vielen Textmüll...

  • Da kann Steinbrück wohl sagen: "Heute steh ich noch am Abgrund, morgen bin ich schon einen Schritt weiter" ;-)

  • 'Man könne es einfach formulieren als 'Not frisst Demokratie'. Das sei in einigen europäischen Ländern schon Wirklichkeit und koste Stabilität."

    Unter anderem auch in Deutschland!
    Warum steht der Herr als Demokrat nicht dagegen auf? Weil auch er lieber ein Teil der "Ganz Großen Koalition" ist. Bringt mehr Kohle...

    Mir hat man dereinst im Geschichtsunterricht die Mechanismen jener Diktatur vor Augen geführt, deren blutiger Untergang zur Gründung der Bundesrepublik geführt hat.

    Dazu gehörte auch die nachträglich rückwirkende Legalisierung von Straftaten per Verordnung und Gesetz (siehe Bahncard-Episode, Bailout-Verbot).

    Auch die Gleichschaltung der Gesellschaft war dabei ein wichtiger Bestandteil (GEZ-Steuer, CleanIT, Mainstream-Presse).

    Allerdings konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sich Ermächtigungsgesetze und Machtergreifung heute noch immer abspielen könnten. Der ESM und das öffentliche Handeln der EU-Kommission haben jedoch bewiesen, daß auch hierzulande eine Diktatur noch immer Heerscharen stiller Untertanen findet. Selbst unter Bundestagsabgeordneten.

    Auch die Hetze gegen Minderheiten bei gleichzeitig bis ans individuelle Lebensende maximierter "Produktivität" der ganz legal erbeuteten Sklaven war und ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor Deutschlands.

    Wurde und wird doch auf diesem Wege quasi en passant dem rest-bürgerlichen Michel der Mehrwert eines Floriansprinzips im Vergleich zur Zivilcourage menschenwürdigen Handelns vermittelt.

    An die Stelle der Arbeitslager ist in diesem Jahrhundert allerdings das "physische Existenzminimum" getreten. Hinterläßt weniger Beweise. Isolierte HartzIV- und Aufstocker-Sklaven sind außerdem leichter zu halten.

    Und auch diesmal wird dieses "Erfolgsrezept" von Kolonialmacht und Kolonie auf demselben Boden eifrig in alle Länder Europas "exportiert". Nur diesmal eben nicht mit der Waffe, sondern mit "Hilfs"-Krediten und "Rettungs"-Schirmen.

    Wohl unweigerlich mit ähnlich drastischen Resultaten?

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