Aufsichtsrat Zaß tritt zurück
Deutsche Börse steht vor chaotischer Hauptversammlung

Das Tauziehen um die Deutsche Börse steuert einem neuen Höhepunkt entgegen. Bei der Hauptversammlung (HV) am Mittwoch wird sich zeigen, ob das Unternehmen nach dem vom Hedge-Fonds TCI und anderen Aktionären erzwungenen Ausscheiden von Börsenchef Werner Seifert noch tiefer in Turbulenzen versinkt.

HB FRANKFURT/M. Dies wäre der Fall, wenn bei der HV Rolf Breuer sofort als Aufsichtsratschef abgewählt würde. Dies gilt zwar als wenig wahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. TCI hatte Breuers Abwahl bereits vor einiger Zeit beantragt. Die Börse hofft aber, dass sich die rebellischen Aktionäre mit dem zwischenzeitlich erfolgten Ausscheiden Seiferts zufriedengeben.

TCI und andere Kritiker hatten im März zunächst die geplante Übernahme der Londoner Börse LSE durch die Deutsche Börse verhindert und Seifert gezwungen, einen erheblichen Teil seiner Kriegskasse auszuschütten. Doch das genügte den Rebellen nicht: Anfang Mai zwangen sie Seifert zum Rücktritt. Breuer wird auf jeden Fall am Jahresende den Aufsichtsrat verlassen.

Die etablierten Investmentfonds aus dem Lager der Kritiker, darunter Fidelity und Capital, dürften kein Interesse an einer weiteren Eskalation haben und würden deshalb auf der HV wohl keinen neuen Ärger machen, heißt es in Finanzkreisen. Unklar ist aber das Abstimmungsverhalten der Hedge-Fonds wie TCI und Atticus. TCI-Chef Chris Hohn, der an der HV teilnehmen wird, hat sich zu Breuers Schicksal noch nicht geäußert.

Um die Kritiker zu besänftigen, sollen neben Breuer und dem bereits zurückgetretenen Lord Peter Levene drei weitere Aufsichtsräte ausgewechselt und durch Kandidaten der Aktionäre ersetzt werden. Als erster erklärte am Wochenende der stellvertretende Chef des Gremiums, Manfred Zaß, sein Ausscheiden. Als weitere Rücktrittskandidaten gelten Uwe Flach, Ex-Vorstand der DZ Bank, Mehmet Dalman, Ex-Vorstand der Commerzbank sowie Alessandro Profumo, Chef der italienischen Unicredito. An der Nachfolge Breuers ist nach einem Bericht des „Platow Brief“ der Ex-JP-Morgan-Manager Kurt Viermetz interessiert. Weitere Kandidaten für den Aufsichtsrat sind WestLB-Chef Thomas Fischer, der CDU-Politiker Friedrich Merz und Theodor Baums, Experte für Unternehmensführung. Auch Klaus Hopt vom Max-Planck-Institut für Ausländisches und Internationales Privatrecht zählt zu den Kandidaten für einen freiwilligen Rückzug.

Zusätzlichen Zündstoff für die Hauptversammlung liefert die Finanzaufsicht BaFin. Deren Chef, Jochen Sanio, prüft, ob TCI und Co. in einer konzertierten Aktion mehr als 30 Prozent der Börsenanteile übernommen haben. Bei Vorliegen eine „Acting in Concert“ hätten sie ein Übernahmeangebot für sämtliche Aktien vorlegen müssen. Nach Meinung von Juristen könnte die Hauptversammlung jetzt im Chaos versinken. So könnten sich Kleinaktionäre animiert sehen, wichtige Beschlüsse anzufechten – auch in der Hoffnung, dass sie später von der Börse Geld dafür erhalten, wenn sie ihre Klagen wieder zurückziehen. „Für räuberische Aktionäre ist die Prüfung der BaFin eine Steilvorlage“, sagte Timo Holzborn von der Kanzlei Noerr Stiefenhover Lutz.

Die Erfolgschancen der BaFin sind unter Juristen umstritten. Nach Angaben der Aufsicht wird sich die Prüfung noch über Wochen hinziehen. In Finanzkreisen hieß es, es sei gut möglich, dass sich die Fonds zu einem informellen Konsortium zusammen geschlossen hätten. Dafür spreche, dass die kritischen Aktionären mit gleich lautenden Briefen, die sich auch in der grafischen Gestaltung ähnelten, gegen die geplante Übernahme der Londoner Börse protestiert hätten.

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