Ausschussware im Regal
Krumme Geschäfte

Dreibeinige Möhren, verdrehte Gurken, Äpfel mit Dellen: Die Natur hat ihren eigenen Willen. Früchte und Gemüse jenseits der Norm landen bisher gern im Müll. Jetzt feiern die knubbeligen Produkte ihr Comeback.
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DüsseldorfZu groß, zu dick, zu krumm: Gemüse und Früchte, die nicht einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen, schafften es bis jetzt nur ausnahmsweise in die Regale großer Supermarktketten. Stattdessen werden herzförmige Kartoffelknollen oder krumme Gurken nur hinter den geschlossenen Türen der Gastronomie verwendet, landen im Müll oder werden zu Tierfutter und Biogas verarbeitet. Manche unförmigen Produkte haben Glück und werden auf Hof- oder Wochenmärkten feilgeboten.

Europaweit kommen geschätzt 20 bis 40 Prozent der Ernte nicht im Handel an, weil das Gemüse nicht dem Schönheitsideal der Supermarktbesitzer und Verbraucher genügt. Experten der UN-Ernährungsorganisation FAO gehen davon aus, dass so allein in Europa rund 40 Millionen Tonnen essbares Obst und Gemüse verloren gehen. Durchschnittlich jede fünfte erntefähige Frucht, so die FAO, verlässt demnach den Ort ihrer Produktion nicht, wird also direkt auf dem Acker wieder untergepflügt.

Die zwei größten Supermarktgiganten der Schweiz machen nun Schluss mit der Aussortiererei. Unter dem Label „Ünique“, was so viel wie „einmalig“ und „einzigartig“ bedeutet, nimmt Coop angeschlagenes Obst und Gemüse wieder ins Sortiment – als Statement gegen Lebensmittelverschwendung. Man habe vermehrt festgestellt, dass die Konsumenten Verständnis zeigen für die Launen der Natur. Viele seien auch bereit, optisch nicht perfekt aussehende, aber qualitativ noch einwandfreie Produkte zu kaufen, schreibt die „Neue Züricher Zeitung“ (NZZ).

Das Angebot ist aber noch immer sehr überschaubar. Zwar sind seit Juli 2009 laut EU-Vermarktungsnorm für Aprikosen, Artischocken, Karotten, Spargel, Kohl, Zucchini oder Gurken diverse äußerliche Macken wieder erlaubt. Nur findet man diese Produkte kaum. Die Verbraucher haben sich so sehr an makelloses Gemüse in 1a-Qualität gewöhnt, das alles, was nicht wie hochglanzpolierte Schuhe aussieht, am Abend im Regal liegen bleibt.

Also halten die meisten Händler weiter an den etablierten Standards fest - auch weil sich gerade Gurken oder Möhren viel effizienter stapeln lassen als krumme. Die perfekte Möhre hat ein Idealgewicht zwischen 50 und 250 Gramm, glatte Haut und keinen optischen Fehler. Krumme Exemplare mit Untergewicht, Narben oder Pickeln fliegen sofort raus. Dabei sind sie – abgesehen von ihrem ungewöhnlichen Aussehen – qualitativ einwandfrei und genauso geschmackvoll wie ihre uniformen Geschwister.

Kommentare zu " Ausschussware im Regal: Krumme Geschäfte"

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  • @karma

    ich versuchen meine Ernährung von Religion und der modernen Pseudowisschenschaft (deren Ergebnisse sich etwa alle 5 Jahre umdrehen) zu trennen und auf meine eigenes "Bauchgefühl" zu hören (was mir schmeckt). Menschen hätten wohl - jedenfalls in unseren Breiten - mit rein vegetarischer Ernährung nicht überleben können; also ein paar Mammuts mußten damals hin- und wieder schon niedergeknüppelt werden.

    Gerade habe ich diesen interessanten Blogbeitrag gefunden:

    http://www.prabelsblog.de/2013/08/soja-eine-pflanze-zum-vergiften/

    Also, eine Kuh als Filter dem Soja vorzuschalten scheint nicht so verkehrt zu sein :o)

    Naja, zugegeben, ich nehme diese Diskussionen, was man essen sollte und was nicht, nicht allzu ernst, da ich sowieso das mache, was ich will - und ich billige jedem das gleiche Recht zu.

    Ernst nehme ich es NUR, wenn sich ein totalitärer Ansprüch entwickelt, wie tendenziell bei den Grünen zu beobachten und voll entwickelt bei verschiedenen Vegetarier-Sekten mit Sendungsbewußtsein. Dann kann ich auch richtig böse werden, um auf Ihr Zitat von Tolstoi zurückzukommen.

  • "ich habe unter meinen selbst angebauten Tomaten eine, die 2 Öhrchen hat und freue mich darüber."


    Nitrophoska Blau is ne feine Sache, oder? (o:)

  • Hohoho: Die hohohe EU-Kommission wird so entsetzt sein über eventuelle natürliche Formen der Natur, dass sie ihre gesamte überflüssige Besatzung von 45.000 plusplus daran setzten wird, die noch zulässigen Krümmungskurven der Natur zu reglementieren, jeden Grad und jeden zulässigen Winkel, trotz weiterhin fehlender demokratischer Legitimation und fachlicher Qualifikation. Egal, beides braucht EURO&pa nicht und bekommt es auch nicht ..... bastakommunista.

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