Billig-Konsum und die Folgen
Warum uns Bangladesch so egal ist

Immer mehr Verbraucher interessieren sich für die Folgen des Konsums, aber halten an ihren alten Gewohnheiten fest. „Es muss spürbar werden, was man anrichtet beim Einkaufen“, fordert der Konsumethiker Ludger Heidbrink.
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Mehr als 1100 Tote in den Trümmern der Textilfabrik in Bangladesch, unzumutbar beschäftigte Leiharbeiter in Deutschland, Niedriglöhne in der Paket-Branche und ein Gammelfleisch-Skandal nach dem anderen. Haben wir es als Konsument eigentlich in der Hand, solche unerträglichen Zustände zu ändern?

Auf jeden Fall. Leider fehlt das notwendige Bewusstsein dafür. Als Konsumenten neigen wir dazu, die Folgen unserer Einkaufsgewohnheiten auf andere abzuwälzen und uns nicht übermäßig viele Gedanken darüber zu machen.

Woher kommt das?

Es liegt in unserer Natur, dass wir das ausblenden. Im Grunde sind wir gespaltene Wesen und handeln genauso wie die Unternehmen, die wir kritisieren. Nämlich nutzenmaximierend und profitorientiert und am Ende geht es um die Renditen, die wir beim Einkauf machen. Da legt man dann schnell seine moralischen Normen und Wertvorstellungen ab und ist nicht besser, als jeder andere Marktakteur auch, der zunächst auf die Befriedigung seiner eigenen Wünsche ausgerichtet ist.

Macht man sich als Konsument zum Mittäter, wenn man Waren zum Billigtarif kauft und billigend in Kauf nimmt, dass sie nicht unter fairen Bedingungen hergestellt sein können?

Da kann man durchaus von einer Mittäterschaft sprechen. Zwar nicht rechtlich, aber wir machen uns im Grunde alle moralisch schuldig, wenn wir Dinge für wenig Geld einkaufen und nicht genauer hinschauen, was wir da eigentlich einkaufen.

Trotzdem behaupten immer mehr Leute, sie wären dazu bereit, für faire Produktionsbedingungen auch tiefer in die Tasche zu greifen.

In der Tat. Umfragen zeigen, dass über 50 Prozent der Konsumenten im Prinzip gerne nachhaltig konsumieren würden. In der Praxis liegt der Anteil der nachhaltigen Produkte allerdings nur irgendwo zwischen vier und acht Prozent.

Was fehlt, damit keiner mehr T-Shirts für 2,99 Euro oder Hähnchen für 3 Euro kauft, die am Ende nach Fisch schmecken?

Die Konsumenten müssen sich zunächst über ihre Rolle klar werden. Viele Menschen realisieren nicht, dass sie an Märkten tätig sind, die durch bestimmte Strukturen gekennzeichnet sind. Dazu kommt das Bildungsproblem. Wir haben nicht zu wenig, sondern viel zu viele Informationen. Die Produkte müssten hier mit klaren Informationen und Aussagen, beispielsweise zu Produktions- und Arbeitsbedingungen versehen werden, woran die Politik arbeiten muss. Leider haben wir dann noch das Problem, dass wir all die wichtigen Informationen selber wieder wegrationalisieren und uns sagen: „Ich habe jetzt keine Zeit, mich darum zu kümmern“,  oder „Dazu fehlt mir das Geld.“

Was wäre Ihre Lösung?

Die Leute müssen stärker mit den Konsequenzen ihres Konsums konfrontiert werden. Es muss spürbar werden, was man anrichtet beim Einkaufen. Kauft man sich ein T-Shirt für 2,99 Euro, dann muss einem klar gemacht werden, welche Folgen das woanders hat.

Kommentare zu " Billig-Konsum und die Folgen: Warum uns Bangladesch so egal ist"

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  • .. am Allerschlimmsten aber an dieser ganzen Sozialegomanie ist die Unterminierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Evolution dort: wenn dort aus allein selbstverschuldeten -weil tradiert-kulturell-religiösen- Gründen gesellschaftliche Zustände herrschen wie bei uns vor 300-400 Jahren - dann kann das auch nur mit Arbeitsbedingungen aus dieser Epoche flankiert werden. Jede Asynchronität vereitelt hier letztlich jede weitere Vorwärtsentwicklung. Wie schon ein Vorkommentator schrieb: wenn man dem vorindustriellen Europa heutige "Sozial"-Standards aufgezwungen hat, wäre die industrielle Revolutuon -und mit ihr alle folgenden Errungenschaften- ausgefallen. Jede Verletzung der Grundkausalitäten rächt sich: diese Länder sind nur diejenigen Investitionen wert, zu denen man sich freiwillig, also AM MARKT entschliesst. Auch hier wirkt wieder jeder (linke) Zwang nur verheerend! Ich kann mich noch damals an die erdrückenden Berichte über die achso-schlimmen Zustände in Hongkong vor 30 Jahren erinnern - und man schaue sich Hongkong heute an! Hätten die Linken damals in HK so gewütet wie in Afrika, dem prädestinierten linken Exzerzierfeld, dann sähe es heute auch in HK so aus wie in Afrika - ok, vllt etwas besser wg der bildungsaffineren und displizierten Kultur dort ... Jedes Geschenk an die dritte Welt manifestiert nur die dortige rückständige Kultur - wieso sollte man sich ändern, wenn man für seine tradierte Rückständigkeit durchgefüttert wird! Es gilt genau das Gleiche wie im Privaten: wenn ich als Lehrling noch nichts kann und erst lernen muss, kann ich auch keine frechen Forderungen stellen: Lehrjahre sind keine Herrenjahre! Und die dortige Alternativlosigkeit, wg der man auf westliche Investitionen angewiesen ist, ist ausschliesslich selbst verschuldet und in den dortigen kulturellen Traditionen begründet!

  • "Wirtschaftsethiker" sagt ja schon alles > vor 500 Jahren sässe sowas wahrscheinlich gern in der Inquisitions-Jury! Und sowas werde ich gezwungen mit meinen Steuergeldern durchzufüttern! Und wieder eine weitere hässliche Facette des linken anti-weissen Rassismus, der die (Eigen-)Verantwortung anderer auf uns abwälzen will: keine linke Ratte hätte sich jemals über suizidale Arbeitsbedingungen im chinesischen Staatsbergbau ereifert. Aber sobald Chinesen für ein westliches Unternehmen (zu ungleich besserer und darum dort ja so begehrten Bedingungen) wie z.B. Apple tätig sind, trampelt sich wieder die linke Empörungsmafia auf die Barrikaden. Diese ungleichen Massstäbe sind nichts anderes als nackter Rassimus! Die Arbeitsbedingungen sind in anderen Ländern nunmal wie sie sind - sie werden ja nicht für westliche Investoren extra gesenkt (meistens ja eher im Gegenteil sogar etwas angehoben)! Was für einheimische Produzenten recht ist, kann für westliche nur billig sein - hier einseitige Kritik zu üben, ist reine Diskriminierung! Das Anpassen an lokale Begebenheiten kann eben nicht nur immer gutmenschlich allein zugunsten der anderen interpretiert werden! Und im Übrigen ist es nicht unsere Aufgabe, dort für bessere Verhältnisse zu sorgen - das ist allein DEREN Aufgabe!

  • Um echte Nachhaltigkeit zu erreichen, braucht es wohl ein wenig mehr, als im Artikel beschrieben.
    Auch erkennt man fair hergestellte Produkte nicht zwingend daran, dass fair Trade oder Öko darauf steht.
    Wichtig wäre, nicht unbedingt der trendigen Nachhaltigkeit her zu rennen, sondern der Haltbarkeit, Nützlichkeit und Qualität der Produkte oberste Priorität beizumessen. Die Wegwerfmentalität aber auch der Irrglaube a la Kleider machen Leute, hier im wörtlichen Sinn, sind es, die es möglich machen, dass Firmen jeden Mist verramschen dürfen und sich die Verbraucher nicht mehr dafür interessieren, was hinter dem Ding, das sie sich besorgen, steckt. Wir betrachten den alltäglichen Wahnsinn, das immer schnellere Tempo als Fortschritt. Dabei könnte keiner von uns, falls die Bangladeschis mal keine Lust mehr haben, dafür sorgen, dass er oder sie nicht nackt herumläuft. Weil nämlich keiner von uns Ahnung davon hat, wie man webt, färbt, schneidert, näht. Und weil Hanf hierzulande ja auch verboten ist. Obwohl man den doch locker nehmen könnte, um Deutschland aus eigener Kraft mit atmungsaktiven, strapazierbaren und haltbaren Klamotten zu versorgen. Oder zumindest, um Deutschland von Spanien aus mit Klamotten zu versorgen. Aber der Hanf ist ja böse und deshalb verboten.

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