Boom der Flusskreuzfahrten
Würzburg ist das neue Venedig

Flusskreuzfahrten in Deutschland erleben einen überraschenden Boom. Während Reisen auf dem Nil ausfallen und Don, Wolga und Dnjepr zu riskant sind, bieten Main und Donau starken Ersatz. Vor allem US-Touristen kommen.
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München/DüsseldorfDen Boom erlebt Peter Oettinger jeden Tag, wenn er aus dem Fenster blickt. Direkt auf den Main blickt der Würzburger Tourismus-Direktor von seinem Schreibtisch aus. Jeden Tag zieht eine Reihe von Flusskreuzfahrtschiffen vorbei und schippert zahlungskräftige Touristen in die beschauliche fränkische Stadt. „Das ist ein Sprung von Null auf Tausend“, sagt er. Anfang des Jahrtausends habe es das Phänomen praktisch noch gar nicht gegeben. Im vergangenen Jahr legten bereits 919 Flusskreuzfahrtschiffe in Würzburg an, in diesem Jahr soll es eine vierstellige Zahl werden.

Vor allem amerikanische und australische Touristen bereisen Deutschland derzeit auf den Flüssen. Laut einer Studie des Branchenverbands IG River Cruise legte die deutsche Flusskreuzfahrt im vergangenen Jahr um 16,5 Prozent zu. Europaweit stieg die Zahl der Reisenden sogar um ein Drittel auf 1,1 Millionen.

„Die eine oder andere Stadt fühlt sich von der Situation fast schon überfordert“, berichtet Joachim Zimmermann, Chef der staatlichen Bayernhafen-Gruppe, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Ein Phänomen, das im größeren Stil vor allem aus Venedig bekannt ist.

Dabei hatten Tourismusexperten der Flusskreuzfahrt bereit den Totenschein ausgestellt. Zu verstaubt, zu teuer und zu sehr von Überkapazitäten geplagt sei sie, bemängelten viele. Das Wasser abgegraben hatte ihr die Seekreuzfahrt, die mit frischen Spaßkonzepten wie „Aida“ junge Kunden begeisterte, während man auf den Flüssen lange Zeit kaum Reisende unter 70 Jahren sah. Auch die Kosten bekamen die Flusskreuzer nicht in den Griff. Schließlich lassen sich Ozeanriesen mit mehr als 4.000 Passagieren weitaus wirtschaftlicher betreiben als die vergleichsweise kleinen Flussschiffe.

Hinzu kam wegen der hohen Überkapazitäten eine für die Anbieter fatale Rabattschlacht. Kaum einer der Veranstalter schrieb schwarze Zahlen, Anbieter wie Tui oder die Deutsche Seereederei (DSR) stiegen aus dem Markt aus, andere – wie zuletzt Nicko Cruises – meldeten Insolvenz an.

Doch gleich zwei Faktoren beleben nun überraschend das einst siechende Geschäft. Zum einen sorgen die Spannungen in Ägypten, Russland und der Ukraine dafür. Während Reisen auf dem Nil ausfallen, und auch Don, Wolga und Dnjepr vielen Veranstaltern als zu riskant erscheinen, bietet sich reichlich Ersatz in Deutschland. Neben Mosel und Rhein profitiert davon vor allem die Donau.

Helge Grammerstorf, Geschäftsführer des Branchenverbands IG River Cruise, verweist aber noch auf einen anderen Grund: „Der Boom in Deutschland wird ausgelöst durch die vielen Reisenden aus den USA.“ Dort ist die Nachfrage nach „Old Germany“ derzeit so hoch, dass der Flusskreuzfahrt-Veranstalter Viking in den letzten Jahren 42 neue Schiffe bestellt hat. Den Vertrieb hat das Unternehmen inzwischen allein auf Amerika konzentriert.

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