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Ein „harter Hund“ soll Boeing auf Kurs bringen

Harry Stonecipher gilt als Freund der Wall-Street und als Schrecken der Gewerkschaften.

DÜSSELDORF. Die Zeiten der großen, netten Familie Boeing sind mit dem plötzlichen Abschied des beliebten Vorstandschefs Phil Condit vorbei. Jetzt, da der bei vielen Mitarbeitern gefürchtete Harry Stonecipher aus dem Ruhestand zurückkehrt und das Ruder des von Skandalen geschüttelten US-Konzerns übernimmt, dürfte es ungemütlicher werden bei Boeing. „Wir sind keine Familie bei Boeing, wir sind ein Team“, rückte der inzwischen 67-Jährige einst die Firmenkultur zurecht. Und als Team-Mitglieder hätten alle ihre Leistung abzuliefern. Punkt. Ende der Ansage.

Das ist Stonecipher. Ein Mann der direkten Rede. Ein harter Knochen. Als erste Amtshandlung hat der frühere Chef von McDonnell- Douglas den erweiterten Boeing- Vorstand, das so genannte Executive Council, von 29 Personen auf ein Dutzend zusammengestrichen. Die Marschrichtung, die er vorgibt, ist klar: Der größte Luft- und Raumfahrtkonzern der Welt soll künftig schlanker und unbürokratischer arbeiten.

Nach all den Skandalen um unsaubere Geschäftspraktiken und Industriespionage muss er darüber hinaus das Verhältnis zum Pentagon kitten: „Erste Priorität ist, dass wir unsere Reputation bei dem riesigen Kunden namens US-Regierung wieder herstellen“, sagte Stonecipher. Neben dem in der Vorwoche gefeuerten Finanzchef Mike Sears war letztlich auch die Boeing-Legende Phil Condit über die Serie von Verfehlungen gestolpert, die unter seiner Führung ans Tageslicht kamen.

Dem fünf Jahre älteren Stonecipher wird zugetraut, die Wogen in der nächsten Zeit zu glätten: Er kennt den Boeing-Konzern wie kaum ein anderer Manager und besitzt darüber hinaus exzellente Kontakte in die US-Rüstungsindustrie. Dass er sich stur am Shareholder- Value-Gedanken orientiert, halten ihm die Wall-Street-Analysten zugute.

Dafür wird der 1936 in Tennessee geborene Techniker, der zuletzt als graue Eminenz im Aufsichtsrat die Strippen zog, bei den Gewerkschaften seit Jahren gefürchtet: Als Boeing-Ingenieure 2001 in den Streik zogen, stellten sie ein tragbares Toilettenhäuschen vor die Zentrale in Seattle und schrieben „Harry’s Office“ drauf.

Jetzt hat sich der Wind gedreht: Stonecipher, zwischen 1997 und 2002 die Nummer zwei im Vorstand hinter Condit, sitzt mit 67 plötzlich noch einmal an den Schalthebeln der Macht. Und die Gewerkschaften senden Friedenssignale: Nach Problemen mit Stonecipher in der Vergangenheit sei es jetzt „an der Zeit, den Reset-Knopf zu drücken“, sagte der Chef der Ingenieursgewerkschaft, Charles Bofferding, der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Dass es nach mehr als 40 000 Entlassungen seit 2001 zu einem nochmaligen Personalschnitt kommen könnte, erwarten Branchenkenner nicht. Stonecipher stellte bereits klar, dass das Hauptaugenmerk künftig noch stärker auf der Rüstungssparte liegen soll. Sie wird im laufenden Jahr erstmals mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes und rund drei Viertel der Gewinne beisteuern. Bei den Flugzeugbauern in Seattle führt das mitunter zu Spekulationen, die Fusion mit McDonnell Douglas aus dem Jahr 1997 könne letztlich in der Übernahme von Boeing enden. Ein Brancheninsider: „Mit Stonecipher an der Spitze erhält die McDonnell-Douglas-Fraktion mächtig Auftrieb.“

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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