Einzelhandel
Lidl eröffnet ersten Laden in der Schweiz

Die deutschen Discounter sind seit langem angriffslustig und expandieren ins Ausland. Sie sind zunächst ist England belächelt worden, da haben sie inzwsichen großen Erfolg. Ähnlich ist es in vielen Ländern. Nun ist die Schweiz an der Reihe. Und auch hier gibt es viele Zweifeler.

TORSTEN RIECKE | ZÜRICH

Die zwei blaugelben Einkaufswagen mitten auf dem Züricher Hauptbahnhof sind voll bepackt. "Heute ist Lidl-Tag", sagt die junge Frau und drückt den verdutzten Pendlern eine Packung Eistee der Schweizer Marke Linessa und ein Werbeprospekt des deutschen Discounters in die Hand. Nach jahrelanger Marktbeobachtung und fast panischer Nervosität bei der heimischen Konkurrenz startet Lidl heute in der Schweiz. 13 Filialen öffnen ihre Ladentüren, in einem Jahr sollen es bereits 26 Märkte sein. Der aggressive Discounter aus Deutschland gibt sich zum Auftakt schweizerisch zahm: Nicht Niedrigstpreise sollen die Kunden anlocken, sondern das Versprechen von Frische und Qualität. Lidl als Edeldiscounter.

Der Schweizer Einzelhandel traut dem deutschen Wolf im Schafspelz allerdings nicht und hat auf den Markteintritt von Lidl überaus nervös reagiert. Bereits Anfang des Jahres senkte der Großanbieter Coop die Preise für 600 Markenartikel. Erzrivale Migros zog postwendend bei 150 Produkten nach. "Migros und Coop befürchten natürlich, Marktanteile zu verlieren", sagt Thomas Rudolph, Professor für Retail Management an der Universität St. Gallen, "Es könnte zu einem Preiskampf zwischen Aldi und Lidl kommen, etwa bei Eckprodukten wie Milch und Butter. Das würde dann auch Auswirkungen auf die Preise der anderen Anbieter haben."

Der Schweizer Lebensmittelmarkt ist lange Zeit vom Discount-Phänomen verschont geblieben. So konnten Migros und Coop den Markt weitgehend unter sich aufteilen. Als die französische Supermarktkette Carrefour vor einigen Jahren in den Markt drängte, scheiterten die Franzosen nach kurzer Zeit kläglich an den lokalen Einkaufsgewohnheiten und strikten Bauvorschriften in der Schweiz. Bewegung in den Markt kam erst mit dem Markteintritt von Aldi vor vier Jahren. Die Deutschen streiften ihr Image als Harddiscounter ab und passten ihr Sortiment den Schweizer Konsumgewohnheiten an. Der Erfolg kann sich sehen lassen: aus vier Filialen sind inzwischen fast 100 geworden.

Daraus hat Aldi-Jäger Lidl jetzt seine Lehren gezogen und gibt sich noch schweizerischer als der große Konkurrent. Das Sortiment umfasst 1 800 Artikel, das sind fast so doppelt viele wie bei Aldi. Außerdem setzen die Schwaben verstärkt auf Markenprodukte. In der Schweiz soll der Anteil bei etwa einem Drittel liegen. "Es ist sehr wichtig, dass die Schweizer zum Konzept von Lidl Vertrauen finden. Als harter Discounter kommt man hier nicht weit. Qualität zu bieten, ist wichtig, gerade im Frischebereich", sagt Handelsexperte Rudolph.

Die Eidgenossen werden jedoch nicht alle ihre geliebten Produkte beim deutschen Discounter finden. So wollen der Chipsfabrikant Zweifel und die Traditionsbrauerei Feldschlösschen den Discounter nicht beliefern. Dennoch glaubt Rudolph, dass Lidl den richtigen Zeitpunkt für seine Expansion erwischt hat. "Die Zielgruppe derjenigen wächst, die sensibel auf Preise reagieren. Einige Konsumenten müssen sparen", sagt der Wissenschaftler mit Blick auf die Wirtschaftskrise. Und so will sich der Schweizer Lidl-Chef Andreas Pohl zumindest im "normalen Sortiment" nicht unterbieten lassen. Zudem ist der Discounter nach den Bespitzelungen von Mitarbeitern in Deutschland um ein gutes Image bemüht. In dem Werbeprospekt für die Schweizer Kunden wirbt Lidl mit besonders sozialverträglichen Arbeitsbedingungen.

Nach Angaben von Lidl ist die Blockadehaltung einiger Markenartikler nicht ganz freiwillig, sondern auf den sanften Druck der beiden großen Schweizer Konkurrenten zurückzuführen. Der Discounter hat deshalb die Schweizer Wettbewerbskommission angerufen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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