Ex-Töchter des Arcandor Konzerns
Zeitbomben vom Grabbeltisch

Er hat gut lachen: Thomas Middelhoff hat aus dem Einzelhandelskonzern Karstadt-Quelle Arcandor geformt. Ein Unternehmen, dessen Geschäft fast zu gleichen Teilen vom Handel und der Touritik bestimmt wird. Die Verlustbringer des Konzerns, Wehmeyer, Hertie und Sinn-Leffers, hat er zuvor clever verkauft. Die Käufer leiden nun darunter.

DÜSSELDORF. Genau ein Jahr lang hielt sich Siemens ehemalige Handytochter über Wasser, bis sie - verkauft an den taiwanesischen BenQ-Konzern - geräuschvoll in die Insolvenz schlitterte. Agfa-Gevaerts Fotosparte, Ende 2004 veräußert an die Beteiligungsgesellschaft Nanno, brauchte dazu gerade einmal halb so lange.

Die Pleiten trafen die Vorbesitzer mit voller Wucht: Ex-Mitarbeiter verklagten die ehemaligen Konzernmütter auf Wiedereinstellung, Insolvenzverwalter forderten Schadensersatz, die damaligen Konzernchefs Heinrich von Pierer und Ludo Verhoeven gerieten als angeblich gewissenlose Arbeitgeber in Verruf.

Ein ähnliches Schicksal wie der Münchener BenQ Mobile und der Leverkusener Agfa-Photo droht nun gleich mehreren Ex-Töchtern des in Arcandor umbenannten Karstadt-Quelle-Konzerns. Schon seit mehreren Wochen befindet sich die 2005 verkaufte Textilkette Wehmeyer in der Insolvenz, über Karstadt-Quelles angeschlagenen Spinn-off Hertie verhandelten gestern die neuen Gesellschafter einen Rettungsplan. Wie das Handelsblatt aus Investorenkreisen erfuhr, ist die Rettung noch nicht endgültig gescheitert. Es müsse aber in den kommenden Tagen eine Lösung gefunden werden, um eine Insolvenz zu verhindern. Und auch die Zukunft des Modefilialisten Sinn-Leffers, einst im Mehrheitsbesitz der Quelle-Erbengemeinschaft Schickedanz, ist ungewiss. Allein ein umfangreicher Gesellschafterkredit, verbunden mit einem Rangrücktritt, hält die Firma am Leben.

Doch Querelen wie in München oder Leverkusen bleiben wohl erspart. Der Grund: Geschickt sorgte Arcandor-Vorstandschef Thomas Middelhoff beim Betriebsübergang dafür, dass seine Ladenhüter bis zum Ende der Garantiefrist durchhielten.

Die nämlich ist klar begrenzt. Üblicherweise besitzen Mitarbeiter beim Wechsel zum neuen Besitzer eine sechsmonatige Einspruchsfrist. Sie verlängert sich nur dann, wenn ihnen der Arbeitgeber wirtschaftliche oder rechtliche Folgen verheimlicht. Vorsichtshalber bot Middelhoff den Ex-Töchtern deshalb Hilfe an. "Nicht nur Hertie durfte zunächst den Einkauf kostengünstig über Karstadt-Quelle abwickeln", berichtet ein Konzernvorstand in Essen. "Auch Wehmeyer und Sinn-Leffers wurde für die ersten drei Jahre vertraglich zugesichert, im Konzernverbund ordern zu können."

Doch die Schützenhilfe läuft spätestens in diesem Sommer aus - was die Aufgabe für die Textilhäuser kaum leichter macht, ihre Verlustserie zu beenden. Geld verdient hat bislang nämlich keine der drei Ex-Töchter nach der Abspaltung. Die vermeintlichen Schnäppchen, die Middelhoff im Spätsommer 2005 in einer Art Notverkauf auf den Markt warf, bleiben damit womöglich für ihre Erwerber gefährliche Zeitbomben. Davor fürchtet sich offenbar auch der Finanzinvestor Sun Capital, der vor kurzem den verlustreichen Arcandor-Versender Neckermann übernommen hat.

Um im Jahr 2010 die Gewinnzone zu erreichen, strich die US-Firma 500 der insgesamt 5 000 Jobs. Dem Verkäufer Karstadt-Quelle brachte der eigene Konzernumbau bislang wenig. Zwar trennte sich Middelhoff außerdem von dem hartnäckigen Verlustbringer Starbucks Deutschland, verkaufte Fitnesscenter ebenso wie die Ketten Runners Point und Golf House, gab IT, Logistik und Immobilien in fremde Hände - doch der durchgreifende Erfolg ließ auf sich warten.

Daran hat sich auch nichts geändert, seit der Konzernherr das Touristikgeschäft rund um die Unternehmenstochter Thomas Cook massiv ausbaut. Mit einem Kurs von 7,47 Euro notierte die Arcandor-Aktie gestern nur knapp über ihrem historischen Tiefststand. Am 6. Dezember 2004 war das Papier auf 6,54 Euro gefallen, nachdem Middelhoff vor einer Pleite des Konzerns gewarnt hatte.

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