Fabrikbrand in Pakistan
„Sie haben mit dem Leben für Kleidung von Kik gezahlt“

Kik wehrt sich gegen die Klage von Angehörigen des Fabrikbrandes in Pakistan. Der Textildiscounter sieht kein eigenes Verschulden. Menschenrechtsaktivist Wolfgang Kaleck widerspricht – und sieht das Verfahren als Signal.

DüsseldorfBeim Brand einer Textilfabrik in Pakistan vor drei Jahren wurden 259 Menschen getötet und Dutzende verletzt. Da der Hersteller Ali Enterprise weitgehend für den Textildiscounter Kik fertigte, haben Angehörige von Opfern des Brandes das deutsche Unternehmen vor dem Landgericht Dortmund auf jeweils 30.000 Euro Schmerzensgeld verklagt. Unterstützt werden sie dabei von der Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). In einer Klageerwiderung, die dem Handelsblatt vorliegt, hat Kik jetzt jede Schuld an der Brandkatastrophe bestritten und beantragt, die Klage abzuweisen.

Wolfgang Kaleck, Generalsekretär des ECCHR, erklärt im Gespräch mit dem Handelsblatt, warum er die Vorwürfe trotzdem für begründet hält und was er sich von der Klage erhofft.

Kik argumentiert, das Unternehmen habe als Besteller von Waren keinen direkten Einfluss auf die Verhältnisse in der Fabrik gehabt. Wie begründen Sie ein Verschulden von Kik?
Aus Sicht der Überlebenden und Hinterbliebenen trägt KiK für die Feuerschutzmängel in der pakistanischen  Fabrik eine rechtliche Mitverantwortung und haftet folglich auch für die Schäden, die durch die Brandkatastrophe entstanden sind. Die Klage stützt sich auf die UN-Leitlinien für transnationale Unternehmen  von 2011 sowie Entscheidungen pakistanischer, indischer und britischer Gerichte, da auf den Fall pakistanisches Recht anzuwenden ist. Diese Urteile tragen modernen Wirtschaftsstrukturen zunehmend Rechnung: Die Gerichte sehen eine Haftung von auftraggebenden Unternehmen für zuliefernde Unternehmen als gegeben an, wenn eine hinreichend nahe Beziehung zwischen den Unternehmen bestand. Da die pakistanische Fabrik fast ausschließlich für KiK produziert hat und KiK mehrfach versichert hat, all seine Zulieferbetriebe regelmäßig zu besuchen und selbst zu kontrollieren ist die Geschäftsbeziehung zwischen KiK und der pakistanischen Fabrik als eng und „nahe“ anzusehen.

Kik hat sich durch unabhängige Audits bescheinigen lassen, dass die Vorschriften in der Fabrik eingehalten wurden. Reicht das aus Ihrer Sicht nicht aus?
Diese Zertifikate sind in der Regel äußerst zweifelhaft. Die Zertifizierungsfirmen haften noch nicht einmal nicht für die Berichte, die sie schreiben. Oft berufen sich die Zertifizierer auf ihre beschränkten Prüfaufträge. Darum sei es nicht ihre Schuld, wenn es zu Unglücken käme.

Was verspricht sich ECCHR von der Klage – abgesehen von dem Schmerzensgeld für die Betroffenen?
Wir gebrauchen das Recht, um ungerechte Verhältnisse zu ändern. Wir wollen gegen  das  System der „organisierten Un-Verantwortung“ in den globalen Zulieferketten vorgehen. Wir kämpfen dafür, dass unser Rechtssystem das Outsourcing rechtlicher und wirtschaftlicher Verantwortung in den globalen Wirtschaftsstrukturen zumindest teilweise wieder rückgängig macht, um kein rechtliches Limbo entstehen zu lassen. Dazu gehört beispielsweise, dass bei derartigen Brandkatastrophen das einkaufende Unternehmen, das von den Produktionsbedingungen profitiert, zur Verantwortung gezogen wird.

Welche grundsätzliche Bedeutung hat das Verfahren?
Die Arbeiterinnen und Arbeiter der Textilfabrik Ali Enterprises in Karachi haben bei der Brandkatastrophe am 11. September 2012 mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben für die Kleidung von KiK gezahlt. Zuvor hatten sie zu einem Hungerlohn und unter menschenunwürdigen Bedingungen gearbeitet. Das ist der Preis der Textilproduktion für den westlichen Markt - nicht nur in Pakistan, sondern auch in Bangladesch, Myanmar und anderen Ländern Südasiens. Die Kläger wollen nicht hinnehmen, dass die Unternehmen von der Ausbeutung der  Arbeiterinnen  und  Arbeiter  in  Südasien  profitieren,  aber  letztendlich keinerlei Verantwortung für deren Sicherheit tragen. Die Klage gegen KiK in Deutschland hat große Bedeutung für die Betroffenen, ist aber auch ein Signal an andere Textilfirmen weltweit: Transnationale Unternehmen sind auch für die Arbeitsbedingungen in ihren Tochter- und Zulieferbetrieben im Ausland verantwortlich. Dafür sind immer mehr Betroffene und Organisationen bereit, vor Gericht zu ziehen.

Werden die Kläger in Revision gehen, falls sie vor dem Landgericht verlieren?
Im Moment hat sich das Landgericht ja noch nicht einmal in erster Instanz positioniert, das Verfahren kann länger dauern und sich über mehrere Instanzen hinziehen. Die Kläger sind dazu bereit, wir unterstützen sie dabei und werden natürlich auch alle erdenklichen Rechtsmittel prüfen, falls wir es denn die sein sollten, die unterliegen.

Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum
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