Geschäftspraktiken in Albanien
Kein Schmiergeld, keine Genehmigung

Weil ein deutscher Logistiker in Albanien kein Schmiergeld zahlt, haben Arbeiter anderer Firmen die Piers des Unternehmens besetzt. Pikant: Albanien will EU-Kandidat werden – nächsten Monat kommt die Kanzlerin zu Besuch.
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FrankfurtEs sind unwirkliche Szenen, die sich auf dem Hafengelände im albanischen Durres abspielen. Handyvideos zeigen, wie Männer in Arbeitskleidung zu Dutzenden auf Eisenerzhügel steigen. Insgesamt mehr als 50 Männer stehen in Reih und Glied auf den Hügel und harren dort stundenlang aus. Ein Gabelstapler beschleunigt in Richtung eines dieser Hügel und fährt den kleinen Steinberg hoch. Den Mitarbeitern des deutschen Logistikers EMS-Fehn, der auf dem Areal normalerweise operiert, bleibt nichts anderes übrig, als die Szene mit ihren Mobiltelefonen festzuhalten. Ihnen ist klar: Ihr Betrieb wird gerade besetzt.

Bei den Besatzern handelt es sich um Konkurrenten der EMS-Fehn-Gruppe aus dem niedersächsischen Leer. Den Geschäftsführer des Unternehmens, Manfred Müller, lassen die Szenen ratlos zurück. „Das ist ein eklatanter Versuch, ein Unternehmen zu enteignen, das peinlich genau alle albanischen Gesetze befolgt“, ärgert er sich. Er vermutet: Weil seine Firma kein Schmiergeld mehr zahlen will, drängen Hafenbehörde und Konkurrenten das Unternehmen aus dem Geschäft an dem wichtigen Umschlagsplatz.
EMS Fehn ist ein Spezial-Transportdienstleister, der große, schwere oder empfindliche Güter per LKW, Flugzeug und Schiff von A nach B zustellt. Zuletzt brachte der Konzern zum Beispiel Transformatoren eines Kraftwerks von Deutschland in die Türkei. Weil die Ware für solche Aufträge häufig von Schiffen auf LKW umgeladen werden muss, pachtete die Gruppe in Albanien 2013 zwei Umschlagplätze im Ost-Terminal im Hafen von Durres.

Doch seit mehreren Monaten würden staatliche Behörden seine Arbeiter systematisch behindern, erzählt Müller: So habe der Direktor der Hafenbehörde mehrfach Umschlags- und Ladeverbote ausgesprochen; vorige Woche stoppte die Behörde die Entladung von Eisenbahnwaggons auf dem Terminal des Logistikers. Am Mittwoch stürmten Arbeiter der Konkurrenten im Hafen das Gelände von EMS Fehn. Zur gleichen Zeit präsentierte der Direktor der Hafenbehörde eine schriftliche Anordnung, in der er den sofortigen Stopp aller Aktivitäten forderte. „Wir riefen daraufhin die Polizei an, um alle nicht autorisierten Personen vom Terminal zu entfernen“, sagt Müller. Die Polizei habe jedoch nur geantwortet, dass sie dafür nicht zuständig sei.


„Wir haben nichts Falsches getan“, sagt Müller selbstsicher, „außer, dass wir uns weigern, Bestechungsgeld zu zahlen“. Korruption ist Alltag in den Balkan-Ländern. Eine Studie des US-Meinungsinstituts Gallup kam zu dem Ergebnis, dass Bestechung zwischen Österreich und der Türkei beinahe selbstverständlich ist. Albanien belegt der Umfrage zufolge Platz 1 auf der Halbinsel. Besonders verbreitet sei demnach Korruption in der Justiz, gefolgt vom Finanzamt, Lizenzbehörden, dem Grundbuchamt, Zoll und Schulwesen. Viele Amtsträger betrachteten ihren Beruf als Privatgeschäft, an dem sie sich bereichern können.

Der Ende 2013 neu gewählte Ministerpräsident Edi Rama hatte bereits im Wahlkampf angekündigt, die Korruption entschieden zu bekämpfen. „Korruption ist meiner Meinung nach das Ergebnis eines kaputten Systems“, das er bekämpfen wolle, sagte er damals – auch im Hinblick auf eine mögliche Bewerbung des Landes als künftiges EU-Mitglied.

„Die Besetzung ist der bisherige Höhepunkt einer monatelangen Kampagne der staatlichen Hafenbehörde“, meint EMS-Geschäftsführer Müller. Und so griff auch er zur Ultima Ratio: Müller rief den deutschen Botschafter an. Der musste mit Ministerpräsident Rama sprechen, bis dieser den Rückzug der Besatzer anordnete.

Die Deutschen hatten ein Ass im Ärmel, das den Politiker letztlich zur Einsicht brachte: Nächsten Monat kommt die Bundeskanzlerin zu Besuch, sie will das Land kennenlernen, bevor die EU über eine mögliche Aufnahme entscheidet. Besetzte Hafenanlagen deutscher Unternehmen sind dabei ein schlechtes politisches Argument. Müller hofft deshalb, dass die Besatzer bald verschwinden. Am Freitagmorgen haben seine Leute jedenfalls noch keine ihrer Lieferungen verladen können.

Ozan Demircan ist Auslandskorrespondent und hat deutsche und türkische Wurzeln.
Ozan Demircan
Handelsblatt / Redakteur

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