Interview
Lidl-Chef Gehrig: „Wir haben gut damit gelebt, unterschätzt zu werden“

Der Chef der Handelsgruppe Lidl & Schwarz, Klaus Gehrig, wehrt sich gegen die Vorwürfe von Verdi, schwärmt vom Ausland und kündigt eine gemäßigte Öffentlichkeitsarbeit an.

Herr Gehrig, am Freitag hat die Gewerkschaft Verdi Ihnen öffentlich vorgeworfen, Mitarbeiter menschenunwürdig zu behandeln und systematisch zu bespitzeln. Was ist dran an den Vorwürfen?

Gehrig: Das ist völlig aus der Luft gegriffen. Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass es einzelne Fälle gegeben hat, in denen sich einzelne Führungskräfte nicht korrekt verhalten haben oder es besondere Belastungen gab. Aber es gibt definitiv kein System. Und eine Kampagne gegen Lidl ausgerechnet am Tag der Menschenrechte zu starten ist wirklich absurd.

Also kein Zwang zu unbezahlter Mehrarbeit, kein systematisches Misstrauen in Form von Videoüberwachung und Taschenkontrollen bei Mitarbeitern?

Gehrig: Unbezahlte Überstunden gibt es bei uns nicht. Und was die Taschenkontrollen angeht: Im Laufe eines Jahres kommen bei uns Waren im Wert von 250 Millionen Euro abhanden, schätzungsweise rund die Hälfte davon durch die Mitarbeiter. Dagegen müssen wir vorgehen. Videoüberwachungen setzen wir aber nur in begründeten Einzelfällen und auf der Basis gesetzlicher Grundlagen ein.

Und was ist mit dem Stirnband, das tschechische Mitarbeiterinnen angeblich tragen müssen, wenn Sie Ihre Regel haben?

Gehrig: Diese Geschichte ist komplett erfunden und wurde von uns in aller Klarheit dementiert. Trotzdem wird sie von Verdi kolportiert. Das ist unanständig und auch nicht damit zu entschuldigen, dass die Gewerkschaft neue Mitglieder akquirieren muss auf Grund der Erosion an der Basis.

Werden Sie Ihr Verhalten ändern?

Gehrig: Dazu gibt es keinen Anlass, zumal wir bereits in der Vergangenheit Hotlines und Kontaktstellen für Mitarbeiter eingerichtet haben, die sich ungerecht behandelt fühlen. Und wenn Vorwürfe zutreffen, trennen wir uns auch von unseren Führungskräften.

Verdi wirft Ihnen auch vor, nur in sieben von 2 500 deutschen Filialen einen Betriebsrat zu dulden.

Gehrig: Wir haben über 350 Betriebsratsgremien. Das Problem für Verdi ist nur, dass ein Großteil von ihnen nicht mit der Gewerkschaft zusammenarbeiten will. Wir bewegen uns schließlich im Rahmen der Gesetze.

Die Aufteilung von Unternehmensteilen in zahlreiche Betriebe hatte also nicht das Ziel, Betriebsräte zu verhindern?

Gehrig: Nein. Im Vordergrund stehen Dezentralität, Eigenverantwortung und Marktnähe. Außerdem wollen wir möglichst einer Publizitätspflicht entgehen, um unsere Konkurrenten nicht schlauer als nötig zu machen. Eine gewisse Geheimnistuerei ist gewollt.

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