Mehdorn dreht bei, weil er die Kunden für überfordert hält
Ein Problem der Kommunikation

Für Selbstkritik ist in der Welt des Hartmut Mehdorn kein Platz. Für Niederlagen schon gleich gar nicht. Der Vorstandschef der Deutschen Bahn AG hält das Desaster um die Preisreform schlicht für ein Kommunikationsproblem. „Wir haben unsere Elemente den Kunden nicht vermitteln können“, lautete am Mittwoch nach der Aufsichtsratssitzung Mehdorns schlichte Erklärung, warum das von ihm als nahezu perfekt gepriesene System nun von der Bahn beinah komplett wieder eingestampft wird.

BERLIN. Noch im Mai auf der Bilanzpressekonferenz hatte Mehdorn es rundheraus abgelehnt, die alte Bahncard mit 50 % Rabatt wieder einzuführen. Dass sie jetzt trotzdem zum Dreh- und Angelpunkt seiner Reform der Reform werden soll, ficht ihn freilich nicht an. Es handele sich um eine andere Bahncard, eine bessere, betonte der Bahnchef trotzig. Eines nämlich hat Mehdorn nach eigenem Bekunden in den vergangenen Monaten gelernt: Bahnfahrer sind ein wenig schwer von Begriff. Sie hätten nicht verstanden, dass auch das alte Preissystem die volle Flexibilität beim Nutzen der Züge erlaubt habe, weist er die Verantwortung für den Flop seiner Preisreform zurück.

Weil aber nach Mehdorns Erkenntnis „Senden und Empfangen zwei verschiedene Dinge sind“, holt er nun aus zum großen Befreiungsschlag. Das komplizierte Rabattsystem wird kassiert, „Einfach einsteigen, einfach sparen“ lautet nun die Devise. Die Regierung dankt es dem Chef des bundeseigenen Verkehrskonzerns mit demonstrativer Rückendeckung. „Herr Mehdorn sitzt fest im Sattel“, versichert ein Regierungsmitglied. Nicht nur wegen seines guten Drahts zum Kanzler, sondern weil es zurzeit einfach niemand anders gebe. Schließlich sei kaum ein Job in Deutschland so undankbar wie der des Bahnchefs. In Regierungskreisen rechnen sie Mehdorn hoch an, dass er für die Bahn „kämpft wie ein Löwe“. Und so werden ihm seine ruppigen Attacken gegen die Konkurrenten der Bahn bisher ebenso verziehen wie die Flucht der Kunden in den vergangenen Monaten. Als Mehdorn im Frühjahr immer stärker ins Kreuzfeuer der Kritik geriet, verlängerte der Aufsichtsrat sogar flugs seinen Vertrag bis 2008.

Doch bei aller nach außen zur Schau getragenen Kaltschnäuzigkeit weiß Mehdorn, dass er sich noch so eine Pleite wie beim Preissystem nicht leisten kann. „Ich habe noch einen Schuss frei“, bekennt er gegenüber Vertrauten. Aus Mehdorns Umgebung heißt es, er werde sein Amt zur Verfügung stellen, sollte ihm der Turn-around jetzt nicht gelingen.

Das Ziel ist die Kapitalmarktfähigkeit der Bahn bis 2005. Doch die Zweifel sind groß, dass die Bahn dieses Ziel erreichen wird. Der Umsatz liegt unter Plan, die Eigenkapitalquote ist auf kümmerliche 12,4 % abgesackt, in den nächsten zwei Jahren wird die Verschuldung weiter steigen. Die für kommendes Jahr anvisierten schwarzen Zahlen stehen bisher nur auf den Hochglanzfolien des Bahn-Vorstands. Schlechte Voraussetzungen für einen Börsengang, den die Regierung einst für 2005 ins Auge gefasst hatte. Doch nicht allein deshalb mehren sich bei SPD und Grünen die Stimmen, die für eine Verschiebung plädieren. „Kurz vor der nächsten Bundestagswahl wäre eine öffentliche Debatte über den Verkauf der Bahn an private Investoren tödlich“, warnt ein Regierungsmitglied. Erwogen wird, den Börsengang bis nach der Wahl zu verschieben.

Für Mehdorn wäre das eine Schonfrist, die er dringend gebrauchen kann. Denn auch wenn das neue Preissystem nun funktionieren sollte, bleibt ein weiteres Problem: Im Mai waren nur 78 % der Fernverkehrszüge pünktlich. Die Quote hat sich kaum verbessert. Grund sind Engpässe auf wichtigen Strecken. Das zu beheben braucht Zeit – und Geld.

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