Mehr als 40 000 Menschen sterben jedes Jahr
Alkohol - Russlands Killer Nummer eins

Dass Russen gerne trinken, ist ebenso sprichwörtlich bekannt wie der Deutschen Liebe zu Würsten und Sauerkraut. Doch das Ausmaß des Alkoholkonsums der 145 Millionen Russen erschüttert selbst Hartgesottene: Ein Drittel aller in Europa verkauften harten Alkoholika fließen jährlich durch russische Kehlen. Und wie könnte es anders sein, von den 20 Mrd. $ Umsatz entfallen 80 % auf Wodka. Cognac und Brandy machen 14,2% des Umsatzes aus, Liköre 6,2%.

MOSKAU. Diese Zahlen der britischen Marktforschungsgruppe Datamonitor verdeutlichen das Potenzial des russischen Alkoholmarktes und seine Dimension im Europa-Vergleich. Denn Polen, immerhin die europäische Nummer zwei beim Wodka- Konsum in Europa, macht lediglich 5 Mrd. $ Umsatz mit dem Klaren.

Statistisch betrachtet muss der Durchschnittsrusse jährlich 19 Liter harten Alkohols vertragen, was der Volksgesundheit nur in den seltensten Fällen zuträglich sein dürfte. Folglich bezahlten im vergangenen Jahr 40 100 Russen ihren Wodkakonsum mit dem Leben. Und das, obwohl nach Angaben der staatlichen Alkohol- Vereinigung mit 617 Millionen Hektolitern etwas weniger Wodka gebrannt wurden als im Jahr zuvor. Damals starben jedoch nur halb so viele Menschen in Russland an den Folgen des Alkohols.

Die Zahlen sprechen für sich. Denn die Tatsache, dass offiziell weniger Schnaps gebrannt wird, bedeutet nicht, dass auch weniger getrunken wird. Das Gegenteil ist der Fall. Immer mehr illegal gebrannter Wodka, der so genannte Samogon, drängt auf den Markt. Nach Schätzung von Experten setzen Untergrund-Brennereien mittlerweile mindestens 5 Mrd. $ mit dem schwarz Gebrannten um.

So zeitigt der exzessive Alkoholkonsum nicht nur Herz-Kreislauferkrankungen mit finalem Ausgang. Zahlreiche Todesfälle sind auf vergifteten Schnaps zurückzuführen. Und eine russische Spezialität, das banale Ertrinken im Suff, beendet immer häufiger ein Gelage. Im vergangenen Jahr starben allein 200 Moskauer alkoholisiert beim Baden in Flüssen und Seen im Umland der Hauptstadt. In diesem Sommer sind bereits 143 Menschen durch Badeunglücke im Vollrausch umgekommen. Damit ist der Alkoholkonsum in Russland der Killer Nummer eins. Bei Verkehrsunfällen starben im vorigen Jahr 33 200 Russen; 32 000 Menschen wurden ermordet.

Die Schwarzbrenner schädigen nicht nur die Gesundheit der Trinkenden, sondern auch die Staatskasse. Zu Sowjetzeiten nahm der Staat aus dem Verkauf harter Spirituosen jährlich 20 Mrd. sowjetische Rubel ein (was mindestens 20 Mrd. $ entsprach), heute sind es gerade noch 1,8 Mrd. $ Steuereinnahmen.

Doch ist Russland nicht nur das Land mit dem höchsten Wodkakonsum pro Kopf, auch andere Alkoholika werden nicht verschmäht. Nach Brasilien, Deutschland, den USA und China ist Russland der fünftgrößte Biermarkt der Welt. „Das Wachstum beim Bierkonsum ist noch immer das größte in der Welt, allerdings sind die Zuwachsraten erstmals seit Mitte der 90er Jahre nicht mehr so stark“, sagt Marina Alexejenkowa von Rye, Man & Gore Securities. In diesem Jahr soll der Bierabsatz zwischen Petersburg und Pazifik zwischen 6 und 9 % auf etwa 75,7 Mill. Hektoliter zulegen.

Russlands Präsident Putin will derweil durch die Verstaatlichung der Wodka-Brennereien dem gepanschten Wässerchen den Krieg ansagen. Doch gerade auf dem Land ist der Selbstgebrannte die billigere Variante. Und so hat die Moskauer Zeitung „Wek“ angesichts der 2001 angehobenen Steuern auf Spirituosen und Bier ganz andere Sorgen wenn sie titelt: „Wir haben getrunken. Wir trinken. Was werden wir in Zukunft trinken?“

Quelle: Handelsblatt

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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