Millionenschaden
Tui-Tochter gesteht Bilanzfehler ein

Stornierungen wurden ignoriert, Frühbucher-Rabatte vergessen - die schlampige Buchführung bei der britischen Gesellschaft Tui Travel sorgt für Riesenkrach beim Hannoveraner Reisekonzern Tui. Nun muss Finanzvorstand Paul Bowtell das Unternehmen verlassen.
  • 0

BERLIN/LONDON. Zunächst waren es recht überschaubare Summen, die im Computersystem des Reiseveranstalters Tui Travel einfach nicht auftauchten. Hier eine Stornogebühr, dort ein Frühbucher-Rabatt oder ein anderer Preisnachlass, den eines der Tui-Travel-Reisebüros seinen Kunden gewährt hatte. Am Ende addierte sich all das zu einem Millionenbetrag mit erheblichen Folgen.

Gestern gestand Tui Travel ein, dass es wegen Buchungsfehlern seine Bilanz für 2009 deutlich korrigieren muss. Finanzvorstand Paul Bowtell wird das Unternehmen daher zum Jahresende verlassen.

Die Investoren reagierten prompt auf die Nachrichten: Der Aktienkurs von Tui Travel gab im Tagesverlauf um mehr sieben Prozent nach und rutschte auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren. Der Kurs des Mutterkonzerns Tui brach zwischenzeitlich ebenfalls ein. Die Abschreibungen von Tui Travel schlagen auch auf die Bilanz der Mutter durch. Entsprechend verärgert fiel die Reaktion in Tui-Kreisen aus. Man sei „entsetzt“ über die Qualität des Rechnungswesens und Controllings in London, hieß es in Hannover.

Völlig offen sei, wie der Aufsichtsrat der Tui AG auf die Vorfälle reagiere und ob er von Vorstandschef Michael Frenzel in dessen Eigenschaft als Aufsichtsratsvorsitzender der Tui Travel weitere Konsequenzen fordere. Dazu könnten insbesondere Sonderuntersuchungen des Prüfungsausschusses der Tochtergesellschaft oder weitere personelle Konsequenzen zählen. Das bislang als gut geltende Verhältnis zwischen Frenzel und Tui-Travel-Chef Peter Long sei erheblich getrübt, heißt es aus Tui-Kreisen.

Tui Travel muss auf Grund der Computerpannen weitere 88 Mio. Pfund (120 Mio. Euro) für das Geschäftsjahr 2009 abschreiben. Dadurch schrumpft der operative Gewinn um gut zehn Prozent auf 401 Mio. Pfund. Für das Geschäftsjahr 2010 würden die Buchungsfehler wohl keine Folgen haben, hieß es.

Das Unternehmen erklärte das Problem mit Altlasten aus dem Jahr 2007, als die Tui-Reisesparte und der britische Konkurrent First Choice zu Tui Travel fusionierten. In den vergangenen Jahren hätten daher die Reisebüros des Unternehmens mit einem anderen Computersystem gearbeitet als die Konzernzentrale. Zwar seien Reisebuchungen in der Regel automatisch bei der Zentrale als Umsatz vermerkt worden. Wenn sich daran aber etwas änderte, weil etwa ein Kunde seine Reise storniert hatte, hätte dies im IT-System der Tui-Travel-Zentrale von Hand eingegeben werden müssen. Dies sei nicht passiert. Inzwischen habe man die unterschiedlichen Systeme aufeinander abgestimmt und integriert, erklärte Tui Travel gestern in London.

In Hannover ist man dagegen vorsichtiger. „Von wegen erledigt, das haben die schon länger gesagt, und dabei wurde das Problem immer größer“, verlautete aus Konzernkreisen. Bei der AG habe der Fehler nicht auffallen können, da die Mutter keinen Sitz im Prüfungsausschuss von Tui Travel habe.

Die Wertberichtigungen hätten aber keine negativen Auswirkungen auf die Cash-Position und damit auf die Nettoverschuldung des Tui-Konzerns, erklärte das Unternehmen. Man erwarte weiterhin ein positives Ergebnis (bereinigtes Ebita) der Tui AG für das Touristiksegment im laufenden Geschäftsjahr 2009/2010.

In Kreisen des Mutterkonzerns wird vor allem eines kritisiert: Selbst nach der Aufdeckung der ersten Fehler habe Tui Travel noch versucht, die gesamte Angelegenheit zu vertuschen. Zum ersten Mal habe Tui Travel die Buchungsprobleme bei der Vorlage der Zahlen für das dritte Quartal berücksichtigt und einen Posten von 29 Mio. Euro als „Sondereffekte“ verbucht, heißt es in der Tui-Zentrale. Erst auf hartnäckiges Nachfragen der Mutter sei die Angelegenheit ans Licht gekommen und habe sich schließlich auf die erforderlichen Wertberichtigungen von 120 Mio. Euro summiert.

Tui Travel weist diese Kritik zurück. Man habe im Zuge der Integration seiner Computersysteme die Bilanzen geprüft und die entsprechenden Korrekturen vorgenommen.

Diese haben auch Auswirkungen auf die Zahlen des Mutterkonzerns. Die ohnehin tiefrote Bilanz des Rumpfgeschäftsjahres 2009 wird mit 45 Mio. Euro beim bereinigten Ebita belastet, erklärte Tui. 2009 hatte der Konzern seine Jahreszahlen umgestellt und bilanziert seitdem – wie in der Reisebranche üblich – für den Zeitraum Oktober bis September, entsprechend dem Verlauf von Winter- und Sommersaison.

Auf die Geschäftsjahre vor dem 1. Januar 2009 entfallen nach Tui-Angaben 75 Mio. Euro. Diese würden im Rahmen einer Bilanzkorrektur im Eigenkapital des Rumpfgeschäftsjahres 2009 berichtigt.

Kommentare zu " Millionenschaden: Tui-Tochter gesteht Bilanzfehler ein"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%