Modekette aus Tel Aviv will Deutschland erobern
Castro – oder Revolution auf israelisch

Der Name allein schon verheißt eine Revolution: Castro. Und ihr führender Kopf sieht auch ein wenig so aus wie jemand, der einen Umsturz plant: Der Unternehmer mit dem fast kahlen Schädel erscheint zum Interview in einem wild karierten Hemd, das leger über einer weiten Hose flattert. „Alles Stücke aus der eigenen Kollektion“, sagt Gabriel Rotter, wie auch die Schuhe, der Gürtel, die Socken und sogar die Unterwäsche, die der 48-Jährige an diesem Morgen trägt.

TEL AVIV. Rotter ist Chef der israelischen Modekette Castro, die zusammen mit dem Hamburger Otto-Konzern nun den deutschen Markt erobern will. „Innerhalb der nächsten fünf Jahre planen wir in Deutschland die Eröffnung von 40 Geschäften“, sagt Rotter. Dabei bekommen es die Angreifer aus dem Nahen Osten mit internationalen Handelsriesen wie H&M und Zara zu tun.

Castros erster Laden in der Kölner City ist denn auch gleich umringt von mehreren H&M-Shops. Auch Zara, Esprit und Benetton sind nicht weit. In Oberhausen, wo der zweite steht, sieht es nicht viel anders aus. „Klar, die Konkurrenz ist hart, der Markt gesättigt, und die stärksten Marken sind in Deutschland schon vertreten“, räumt Rotter ein, „doch wir können ja auf die Hilfe von Otto zählen.“

Die Hamburger besitzen 51 Prozent des Joint Ventures, Castro die übrigen 49 Prozent. Die Israelis bringen ihr Ladenkonzept, Design und Marketing ein, die Deutschen stellen ihre Kenntnisse des lokalen Markts, den Vertrieb und die Logistik. Rotter sagt: „Otto ist für uns die Brücke zur neuen Kultur.“

Während viele seiner Branchenkollegen gerne über einen müden Geschäftsgang und die Konkurrenz aus Fernost jammern oder den deutschen Markt wie etwa die italienische Oviesse-Gruppe schon wieder aufgegeben haben, will Rotter mit seinen 1000 Angestellten weiter rasch wachsen. „Unser Erfolg in Deutschland wird uns relativ leicht Zugang zu anderen europäischen Ländern verschaffen“, glaubt Rotter.

In Israel ist Castro längst Marktführer mit 90 Geschäften, hinzu kommen einige wenige Läden in Russland und Zypern. Mit einem Jahresumsatz von 70 Millionen Euro ist Castro im Vergleich zu den schwedischen und spanischen Konkurrenten noch ein Zwerg. Aber einer, dem Experten viel zutrauen. „Wenn einmal sechs bis acht Stores in Deutschland eröffnet sind, wird Castro die Gewinnschwelle erreichen“, erwarten Branchenkenner in Tel Aviv. Castros Mode sei „frisch und sexy“, meint selbst der Manager eines Konkurrenten anerkennend. „Das Label bringt ein neues Flavor nach Europa.“ Raffinierte Schnitte, bunte Stoffe und viel nackte Haut gehören zu den Markenzeichen der jungen Designer aus Israel.

Dabei hatte Gabriel Rotter, den seine Freunde nur Gabi rufen, von seinem Schwiegervater Aaron Castro Ende der 80er-Jahren den Auftrag erhalten, die Firma zu schließen. Das Modehaus schrieb rote Zahlen, und Gabi, der studierte Betriebswirt, sollte dafür sorgen, dass die Familie den Konkurs möglichst unbeschadet übersteht.

Firmengründer Aaron Castro war in den 30er-Jahren aus Saloniki ins damalige Palästina ausgewandert. Stoffe und Mode lagen in der Familie: Aarons Mutter Anina war Designerin. Als Aaron nach der Ausrufung des Staates Israel an der Tel Aviver Allenbystraße einen Modeladen eröffnete, lief das Geschäft zunächst gut, weil es für die Qualitätsware in Israel kaum Konkurrenten gab. Eine erste Expansion nach Europa brachte in den 80er-Jahren aber rote Zahlen, dreistellige Inflationsraten zehrten zudem die zuvor angehäuften Gewinne auf.

Dann kam Gabi Rotter und wickelte nicht ab, sondern expandierte abermals. Er visierte mit den 15- bis 35-Jährigen eine für Castro neue Zielgruppe an. 1992 brachte er die Firma, inzwischen gesundet, an die Börse. Heute gehören noch 63 Prozent des Unternehmens den Familien Castro und Rotter.

1994 führte Castro eine Kosmetiklinie ein, und für die Olympischen Spiele 1996 stattete die Firma das israelische Team aus. Im Sommer 2000 eröffnete Rotter die ersten Filialen nur für Herrenmode.

Heute nutzt das Unternehmen zunehmend auch all jene Vorteile, die die Globalisierung bietet. Die in Israel entworfene Mode wird inzwischen vor allem in Billiglohnländern produziert, die Hälfte in China, der Rest in der Türkei, Italien oder in Indien. Im relativ teuren Israel werden bloß noch 20 Prozent hergestellt. Jeden Tag wächst das Sortiment um zehn neue Artikel. Von der ersten Zeichnung einer neuen Bluse bis zum Verkauf im Laden braucht Castro nur noch vier Wochen.

Längst ist Castro in Israel die bekannteste Modemarke. So soll es in Europa weitergehen. Die Prospekte kündigen mutig eine „Charming Fashion Revolution“ an.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%