Prognose für Luftfahrtbranche
Der Aufwind trug nur ein Jahr

Die Fluggesellschaften rutschen insgesamt wieder in die roten Zahlen, Kostenexplosion und Nachfrageeinbruch sorgen für Angst in der Branche. Der Luftverkehrsverband IATA entwirft dramatische Krisenszenarien - und stellt Forderungen an die Politik.

ISTANBUL. In der Luftfahrtbranche schrillen die Alarmglocken. Angesichts des Rekordölpreises und der Konjunkturabkühlung hat der Weltluftfahrtverband IATA die Prognose über den gesamten Jahresgewinn der Mitgliedsunternehmen für das laufende Jahr von plus 3,4 Mrd. Dollar auf minus 2,3 Mrd. Dollar gesenkt. Das Passagierwachstum soll nur noch 3,9 Prozent betragen - nach knapp sechs Prozent im vergangenen Jahr. Kostenexplosion und Nachfrageeinbruch kämen zusammen, warnte IATA-Generaldirektor Giovanni Bisignani auf der Verbands-Jahrestagung des Verbands in Istanbul. Verharre der Ölpreis das ganze Jahr auf dem derzeitigen Rekordniveau von 135 Dollar pro Barrel, dann werde der branchenweite Verlust sogar 6,1 Mrd. Dollar betragen.

Die über 200 internationalen Linienfluggesellschaften, die sich in der IATA organisiert haben, hatten erst im vergangenen Jahr die Krise in Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 überwunden und erstmals wieder in ihrer Gesamtheit Gewinn geschrieben. Die Branche ist aufgrund hoher Fixkosten und strikter politischer Regulierung stark konjunkturabhängig und krisenanfällig. Die über 1 000 Fluggesellschaften weltweit erreichten in den vergangenen 60 Jahren nur eine durchschnittliche Umsatzrendite von 0,3 Prozent. Der hohe Ölpreis trifft die US-Airlines am stärksten, da sie die Mehrkosten nicht wie die Europäer durch den starken Euro kompensieren können und darüber hinaus ältere und damit verbrauchsintensivere Maschinen fliegen. Die Nachfrage wird am stärksten bei den Billigfliegern einbrechen, da die Preisfühligkeit von Freizeitklientel höher ist als die von Geschäftkunden.

Die führenden deutschen Fluglinien sind der Krise verschieden stark gewachsen. Während Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber aufgrund einer hohen Ölpreis-Sicherungsquote von 85 Prozent nach wie vor zuversichtlich ist, das Jahr 2008 mit einem Gewinn über Vorjahr abzuschließen, sprach Air-Berlin-Vorstandschef Joachim Hunold vergangene Woche eine Gewinnwarnung für 2008 aus und kündigte ausgedünnte Flugpläne an.

Die Krise hat bereits erste Opfer gefordert. In den vergangenen sechs Monaten gingen rund 24 Fluglinien pleite - darunter die auf billige Langstreckenflüge spezialisierte Oasis aus Hongkong und die reinen Business-Class-Anbieter Silverjet und Maxjet. IATA-Chef Bisignani nutzte das Krisenszenario für umfassende Forderungen an die Politik. Die Liberalisierung müsse aufgrund der zu hebenden Größenvorteile und Synergien vorangetrieben werden. Die Konsolidierung, wie sie in Europa mit Air France-KLM und Lufthansa-Swiss und in Asien mit Air India-Indian Airlines in Gang gekommen sei, müsse ihre Fortsetzung finden - auch international. Bisher dürfen sich etwa europäische Fluglinien nur bis 25 Prozent an US-Fluglinien beteiligen. Die Privatisierung teilstaatlicher Fluggesellschaften wie Alitalia und Austrian Airlines scheitert immer wieder an nationalen Interessen. "Die Passagiere interessiert die Flagge nicht, unter der ihre Fluggesellschaft fliegt, sondern deren Qualität", sagte Bisignani.

Air-France-Chef Jean Spinetta-Cyril forderte gestern die Flugzeugbauer zum Handeln auf. Der Kerosinpreis mache den Riesenairbus A380 nun erst richtig interessant, sagte er der Handelsblatt-Partnerzeitung "La Tribune". "Daher versuchen wir, Airbus davon zu überzeugen, möglichst bald die A380-900 auf den Markt zu bringen." Die gestreckte, sparsame Version der A380 kann bis zu 900 Passagiere transportieren. Ferner drängt Spinetta Airbus und Boeing, bald die Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge A320 und B737 neu zu entwickeln. "Seit dem Start der A320 im Jahr 1987 hat sich der Kerosinverbrauch nur um zwei Prozent verringert. Das reicht nicht", meinte Spinetta. Airbus will mit der Entwicklung der A320-Nachfolger aber bisher bis Mitte nächsten Jahrzehnts warten.

Mitarbeit: Holger Alich

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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