Regionalflughäfen in der Krise
Nur „Landratspisten“ ohne Perspektive?

Kassel glaubt an (s)eine Nische

Mit Turkish Airlines war man schon so gut wie handelseinig. Doch dann kam alles anders. „Leider hat Turkish Airlines sich für dieses Jahr vorerst anders entschieden. Mittelfristig ist das Thema mit dem neuen Flughafen in Istanbul immer noch spannend“, bleibt Schustereder optimistisch.

Als Realist sieht er aber durchaus die Probleme. Anders als etwa Weeze hat der Kassel Airport schon grundsätzlich ein weitaus geringeres Potential. „Wir haben in einem Umkreis von 60 Minuten ein Einzugsgebiet von 1,9 Millionen Menschen“, sagt der Manager: „Wenn ich aber die Nähe vieler dieser Menschen auch zum Flughafen Paderborn berücksichtige, sprechen wir noch von 1,4 Millionen Menschen. Das zeigt die Herausforderung für den Flughafen.“

Ihn dennoch aufzugeben, das ist für den Airport-Manager keine Option. Auch er glaubt eine Nische gefunden zu haben: die Fracht. „Wir sind für die Firmen in der Region wie zum Beispiel Volkswagen der Express-Flughafen. Von hier werden bei Bedarf Teile schnell per Charterflug abgeflogen.“ Damit nicht genug: Seit kurzem landet und startet in Kassel an sechs Tagen in der Woche eine Boeing 737-300 der französischen ASL/Europe Airpost.

Branchenkenner vermuten, dass die Maschine mit bis zu 30 Tonnen Zuladung im Auftrag des Online-Händlers Amazon fliegt. Dafür spricht auch die Route Doncaster (Großbritannien), Kassel, Breslau (Polen). Überall dort ist Amazon präsent. Flughafen-Chef Schustereder will solche Spekulationen nicht kommentieren. Nur so viel ist ihm zu entlocken: „Ein bedeutender Logistiker nutzt unseren Flughafen mittlerweile an sechs Tagen in der Woche. Ich kann mir einen Ausbau der Geschäftsbeziehung sehr gut vorstellen.“

Für den Luftfahrtexperten Wissel von Airborne Consulting haben die Regionalflughäfen ungeachtet der Nischenstrategie allerdings nur dann langfristig eine Chance, wenn es ein bundesweit einheitliches Vorgehen gibt. „Deutschland braucht dringend ein ganzheitliches Luftverkehrskonzept, um einerseits weiter international wettbewerbsfähig zu bleiben und anderseits die bestehenden Infrastrukturen effizienter auszulasten“, mahnt der Experte: „Der Aufbau von Infrastruktur und die Investition in diese muss nach einem nationalen Plan erfolgen. Das ist auch deshalb so wichtig, weil der Ausbau der Luftverkehrsinfrastruktur bei den deutschen Bürgern ein sehr umstrittenes und emotionales Thema ist, wir aber einen Ausbau an Kapazitäten für Wachstum benötigen, um nicht den Anschluss zu verlieren.“

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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