Rückblick
Thames Water brachte RWE viel Ärger

Acht Milliarden Pfund bekommt RWE für den britischen Wasser- und Abwasserkonzern Thames Water. Dem deutschen Energiekonzern bringt der Verkauf nicht nur einen unverhofft großen Geldsegen, sondern setzt auch einen Schlussstrich unter eine Zeit voller Unannehmlichkeiten.

LONDON. Spätestens als BBC-Reporter Andy Davies mit dem Tankwagen vor der RWE-Zentrale in Essen auftauchte, muss der Konzern verstanden haben, dass er sich in London herzlich unbeliebt gemacht hat. Der Mann von dem investigativen TV-Magazin „Panorama“ wollte die Konzernherren um eine Tankladung mit 38 000 Liter Wasser bitten, um die Dürre daheim in London zu bekämpfen, doch sie schickten einen Pressesprecher, um ihn abzuwimmeln. Die demonstrative Aktion der BBC war Anfang August der Höhepunkt eines Sommers, in dem der Londoner Wasserversorger Thames Water und seine Mutter RWE jede Menge Prügel in den britischen Medien einstecken mussten.

Sechs Jahre hintereinander hat Thames Water die Ziele zur Reduzierung der Wasserlecks in den Londoner Wasserleitungen verfehlt, und in diesem Sommer verbot das Unternehmen seinen Kunden nach zwei ungewöhnlich trockenen Jahren, den Garten mit dem Schlauch zu bewässern. Für Wochen löste der Versorger danach die Betreiber der U-Bahn als meistgehasstes Unternehmen der Metropole ab. Reporter belauerten die Vorgärten von Thames-Water-Managern, um sie beim heimlichen Blumengießen zu erwischen, die Gehälter der RWE-Chefs wurden zum Titelthema in Londoner Tageszeitungen. Manch einer in Essen mag sich da in der Entscheidung bestätigt gefühlt haben, die Wassertochter zu verkaufen. Zum Abschied hat sich RWE in Thames Waters schwarzem Jahr immerhin noch eine kräftige Dividendenerhöhung genehmigt.

Thames Water ist mit rund 13 Millionen Kunden der größte Wasser- und Abwasserkonzern in England. Er versorgt den Großraum London, der Jahr für Jahr zehntausende neue Einwohner aufnimmt. Darum wird das Unternehmen in den kommenden Jahren Milliarden investieren müssen, um neue Wasserquellen aufzutun. Gerade hat es den Antrag gestellt, in der Nähe Oxfords ein riesiges neues Wasserreservoir bauen zu dürfen.

Gleichzeitig will es im Osten Londons eine Entsalzungsanlage errichten, um auch aus dem Brackwasser im Unterlauf der Themse Trinkwasser gewinnen zu können. Obwohl auch die Regulierungsbehörde Ofwat dafür ist, leistet Londons streitbarer Bürgermeister Ken Livingstone Widerstand – er will, das Thames Water vor allem seine Kunden zum Sparen bringt. Das wiederum ist nicht so einfach, wenn nur eine kleine Minderheit von Kunden überhaupt Wasseruhren am Haus hat. Livingstone hat deshalb nun die U-Bahnhöfe mit Plakaten bepflastern lassen, die die Londoner auffordern, die Toilette nur nach einem „großen Geschäft“ zu spülen.

Ein weiteres Großprojekt, das Thames Water noch vor den Olympischen Spielen 2012 realisieren möchte, ist ein milliardenteures Abwasserrohr im Flussbett der Themse. Es soll das Schmutzwasser abtransportieren, das heute bei besonders heftigen Regengüssen ungeklärt in die Themse läuft, weil die Auffangbecken nicht groß genug sind.

Doch das Imageproblem beruht vor allem darauf, dass trotz steigender Preise und dramatischer Sparappelle jede Sekunde 10 000 Liter Trinkwasser aus den maroden Wasserleitungen aus viktorianischer Zeit im Londoner Untergrund versickern. Das Unternehmen verteidigt sich mit dem berechtigten Hinweis auf die jahrzehntelange Vernachlässigung des Leitungsnetzes, aber es musste Ofwat zusätzliche Anstrengungen zusagen, um eine empfindliche Strafe zu vermeiden. Thames Water muss mindestens 150 Mill. Pfund zusätzlich auszugeben, um seine Reparatur-Rückstände aufzuholen. Die neuen Eigner haben das einkalkuliert: Sie hätten die Verpflichtungen bei der Kalkulation des Kaufpreises berücksichtigt, sagen sie.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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