Schätzungen über Spareffekt der Reimporte gehen weit auseinander
Arznei-Importeure fürchten Einbruch

Nach einem stürmischen Aufschwung in den Vorjahren droht den deutschen Pharmaimporteuren ein dramatischer Umsatzeinbruch. Auslöser sind die Pläne der Bundesregierung, im Zuge der Gesundheitsreform die Messlatte für Re- und Parallelimporte deutlich höher zu legen.

FRANKFURT/M. Apotheken sollen künftig zur Abgabe dieser Medikamente nur noch verpflichtet sein, wenn der Preisabstand zu den inländischen Originalprodukten mindestens 15 % oder bei besonders hochpreisigen Mitteln 15 Euro beträgt. Zusätzlich erschwert wird das Geschäft der Pharmahändler durch den vorgesehenen Zwangsrabatt von 16 % für Originalmedikamente.

Noch hoffen die Importeure auf eine teilweise Revision der Pläne. Entsprechende Forderungen einiger unionsgeführter Bundesländer hatten bislang jedoch keinen Erfolg, wie gestern der saarländische Staatssekretär Josef Hecken bekannt gab. Die Marktforschungsgruppe IMS Health schätzt die nun drohenden Umsatzverluste für die Importeure auf etwa 350 Mill. Euro von zuletzt rund 2 Mrd. Euro Gesamtumsatz.

Pharmaimporteure selbst fürchten noch wesentlich größere Einbußen. Jörg Geller, Geschäftsführer beim Marktführer Kohl Pharma, sieht mehr als ein Drittel des Geschäfts in Gefahr. Für viele Produkte werde sich unter den neuen Bedingungen ein Reimport nicht mehr rechnen. Der schleswig-holsteinische Importeur MPA Pharma kündigte vor dem Hintergrund bereits den Abbau von 150 seiner derzeit 360 Arbeitsplätze an.

Pharmaimporteure kaufen Markenarzneimittel der großen Pharmahersteller in europäischen Ländern ein und importieren diese nach Deutschland. Sie nutzen dabei innereuropäische Preisdifferenzen, die aus der Politik der Hersteller oder staatlich verordneten Preisbeschränkungen resultieren.

Intensiv gefördert von Politik und Krankenkassen, erlebte dieser Arbitragehandel in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung. Seit 1997 hat sich der Umsatz mit Re- und Parallelimporten in Deutschland mehr als verfünffacht, auf zuletzt rund 2,2 Mrd. Euro. Bezogen auf die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen erreichten sie im vergangenen Jahr fast zehn Prozent Marktanteil. Im ersten Halbjahr 2003 hat sich die Quote bei 7,3 % stabilisiert.

Den entscheidenden Schub erhielten die Importeure durch einen, vom Gesetzgeber erzwungenen, Rahmenvertrag zwischen Krankenkassen und Apothekerverbänden. Er verpflichtet die Apotheken seit dem Jahr 2002, mindestens 7 % der Arzneimittel als Importe abzugeben – unabhängig vom Preisabstand zum Original. Nachdem die Apothekerverbände diesen Vertrag inzwischen gekündigt haben, sollen Ende des Monats neue Verhandlungen mit den Kassen anlaufen.

Doch dürfte jede Quotenregelung letztlich von den neuen Anforderungen aufgehebelt werden, weil nicht genügend importfähige Arzneimittel verfügbar sind. Edwin Kohl, Chef des Import-Marktführers Kohl Pharma kritisiert die geplante Neuregelung daher als großen „Lobbyerfolg der Pharmaindustrie“, mit dem die Kassen hohes Einsparpotenzial verschenkten.

Die Kassen selbst unterstützen allerdings die neue 15-Prozentregelung, wie der zuständige Verhandlungsführer Wolfgang Kaesbach vom BKK-Bundesverband gegenüber dem Handelsblatt deutlich machte. Sie sind allerdings auch an einer neuen Quotenregelung interessiert.

Die Pharmaindustrie wiederum macht Reimporte seit Jahren bereits für Umsatz- und Ertragseinbußen in Milliardenhöhe verantwortlich. Sie prangert die Praxis als gravierenden Standortnachteil an, der den Kassen kaum Entlastung bringe.

Schätzungen über den Spareffekt der Reimporte gehen weit auseinander. Die Kassen erwarten laut Kaesbach etwa 90 Mill. Euro Sparvolumen pro Jahr. Kohl Pharma spricht von mehr als 200 Mill. Euro. Zudem werde durch Importe der Spielraum der Industrie für Preiserhöhungen begrenzt.

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