Schifffahrtskrise
Der griechische Tsunami

Die Handelsschifffahrt färt in unruhiger See. Die Finanzkrise hat die Branche voll erfasst. Besonders betroffen: Die griechischen Reeder. Sie kontrollieren die weltgrößte Handelsflotte - und haben vor der Krise fleißig neue Schiffe geordert. Wie viele davon aber jetzt tatsächlich auch gebaut werden, ist fraglich. Die erste Stornowelle rollt bereits.

PIRÄUS Auf der Reede vor Piräus wird es langsam eng. Täglich gehen hier weitere Schiffe vor Anker. Sie warten vergeblich auf Fracht - manche schon seit Monaten. Jetzt gerät auch die Handelsschifffahrt in den Strudel der Finanzkrise. Ein "Tsunami" rolle auf die Branche zu, meldet alarmiert die Athener Zeitung "Kathimerini". Die griechischen Reeder sind besonders betroffen: sie kontrollieren die weltgrößte Handelsflotte und gebie-ten über ein Fünftel der globalen Tonnage. Allerdings bewiesen die modernen Nachfahren des Odysseus in der Vergangenheit auch immer wieder, dass sie gerade von Krisen zu profitieren verstehen.

Noch bis vor wenigen Monaten segelten die griechischen Reeder auf einer Welle des Erfolges. Die zunehmende Nachfrage nach Rohstof-fen ließ die Frachtraten steil ansteigen. Im Vertrauen auf weiteres Wachstum orderten die Griechen allein 2007 bei den Werften 556 Neubauten im Gesamtwert von 31,8 Mrd. Dollar, doppelt so viel wie noch im Jahr davor. Aber wie viele davon überhaupt gebaut und ausgeliefert werden, ist inzwischen fraglich.

Folgen hat die Krise auch für die stark in Schiffsfinanzierungen engagierten Banken, zu denen neben der Royal Bank of Scotland auch die HSH Nordbank und die Deutsche Schiffsbank gehören. Nach Berechnungen von Merrill Lynch belaufen sich die ausliegenden Schiffskredite weltweit auf rund 500 Mrd. Dollar. Welche Sicherheiten den Darlehen noch gegenüber stehen, ist angesichts des dramatischen Preisverfalls kaum mehr zu sagen.

Allein die griechischen Reeder haben Darlehen von 67 Mrd. Dollar aufgenommen. Analysten von Merrill Lynch schätzen, dass in den kommenden Monaten jeder zehnte Schiffskredit notleidend werden könnte. Die Risiken für die griechischen Banken sind mit einer Summe von rund elf Mrd. Dollar für ausliegende Schiffskredite zwar relativ begrenzt. Für die griechische Volkswirtschaft wird die Schiff-fahrtskrise aber Auswirkungen haben: die Handelsmarine trägt rund sieben Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und fuhr nach Angaben der griechischen Zentralbank im vergangenen Jahr Devisen im Wert von 17 Mrd. Euro ein.

Der Schifffahrtsexperte Xiradakis sieht in der Krise allerdings auch Chancen: relativ glimpflich dürften jene Reeder davonkommen, die Tan-ker, Containerschiffe und Spezial-schiffe für die Offshore-Förderung von Öl und Gas betreiben, denn in diesen Segmenten sind die Charter-raten bisher weniger stark gefallen. Und für kapitalstarke Reeder, die keine Banken brauchen, bietet sich jetzt die Gelegenheit, bei den Werf-ten nicht abgenommene Neubauten zu Schnäppchenpreisen zu überneh-men. "Einige sehen sich bereits nach Schiffen um", weiß Branchenkenner Xiridakis. In der Krise billig Tonna-ge kaufen, um dann beim nächsten Aufschwung mit dabei zu sein: das war schließlich schon das Erfolgsre-zept legendärer griechischer Tycoons wie Aristoteles Onassis, Stavros Ni-archos und Stavros Livanos.

Ursachen der Flaute in der Handelsschifffahrt sind die infolge der Kreditkrise weitgehend gelähmten globalen Handelsströme und die drastisch zurückgegangene Nachfrage nach Rohstoffen, aber auch der hohe Auftragsbestand für neue Handelsschiffe, der rund 60 Prozent der bestehenden Flotte ausmacht. Diese gigantischen Überkapazitäten wer-den nach Einschätzung von Markt-kennern die Branche bis mindestens 2011schwer belasten.

Abgestürzt sind in den vergangenen Wochen nicht nur die Fracht- und Charterraten sondern auch die Aktienkurse der meisten großen Reedereien. Unternehmen wie die griechische Dryships, die norwegische Golden Ocean, die in Hong Kong notierte Jinhui Shipping, die US-Reederei TBS International oder die chinesische Cosco haben in den vergangenen drei Monaten über 70 Prozent ihrer Marktkapitalisierung eingebüßt. Die Krise wird nach Einschätzung von Analysten mehrere Reedereien in die Insolvenz treiben und zu einer Konsolidierung der Branche führen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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