Schweizer Hotelverbände beharken sich auf Nebenschauplätzen
Krieg der Sterne

Was genau ist ein Stern? Und was ist er wert? Diese Frage beschäftigt zurzeit die Schweizer Hotellerie in einem skurrilen Streit, der in die Annalen der Branche als „Krieg der Sterne“ eingehen wird. Es geht um die Frage, wer welche Hotels in der Schweiz wie bewerten darf.

Die erste Salve in dieser Schlacht stammt von Christian Ray, Chef des mit 3 500 Mitgliedern zweitgrößten Schweizer Hotelverbandes Hotelleriesuisse. Er spricht von „Labelsalat“ und meint damit nicht etwa eine neue Küchenkreation, sondern das drohende Durcheinander bei der Klassifizierung der Schweizer Hotels. Hotelleriesuisse, nach eigener Einschätzung Erfinder des „Sternen-Systems“, ist sauer auf den Konkurrenzverband Gastrosuisse. Der ungleich größere aber vor allem auf kleinere Betriebe spezialisierte Verband bastelt neuerdings ebenfalls an einer Klassifizierung für Hotels – nicht immer im Sinne von Hotelleriesuisse.

Dabei wäre es mehr als angebracht, dass die beiden Verbände zusammenarbeiten. Denn schon seit 15 Jahren müssen die Eidgenossen mitansehen, wie die Zahl der Touristen kontinuierlich abnimmt. Von den knapp 260 000 Betten in Schweizer Hotels bleibt jedes zweite leer. Mit einem Umsatz von rund 8,5 Mrd. Euro ist das Gewerbe zwar der Schweizer Uhrenindustrie noch ebenbürtig. Doch während die Horologen erfolgreich auf Innovationen und Luxus setzen, ist den Hoteliers der Erfindungsgeist ausgegangen. Kommt die Rede auf die rückläufigen Übernachtungszahlen, verweisen sie wie zur Entschuldigung stets auf das Preisgefüge in der Eidgenossenschaft. Angesichts der teuren Dienstleistungen – sie liegen laut OECD 40 Prozent über dem Niveau der Nachbarländer – könne man gar nicht konkurrenzfähig sein. „Das ist ein eindeutiger Wettbewerbsnachteil“, stellt Isabel Garcia vom Hotelleriesuisse fest.

Florian Hew von der Konkurrenz Gastrosuisse will mit der neuen Klassifizierung verhindern, dass preisbewusste Gäste die Schweiz mit Hilfe billiger Flugangebote einfach unter sich liegen lassen. Die von seinem Verband geplante Klassifizierung soll deshalb vor allem das untere Preissegment berücksichtigen. „Wir müssen uns wieder als liebenswertes Nachbarland positionieren“, sagt er mit Blick auf die deutschen Gäste. Im Herbst soll das Projekt in die Pilotphase gehen. Wonach die Auszeichnungen vergeben werden, will er noch nicht verraten. Nur soviel: Sterne will Gastrosuisse gar nicht verteilen.

Trotzdem fühlt Hotelleriesuisse sich angegriffen und hat deshalb beschlossen, dem Treiben nicht tatenlos zuzusehen. Der Verband kündigt an, das eigene „Sternen-System“ zu überarbeiten. Es existiert seit 25 Jahren und bewertet Hotels nach Zimmergröße, Ausstattung und etwa der Anzahl der Restaurants. Von den 5 600 Schweizer Hotels sind jedoch weniger als die Hälfte kategorisiert, was auch daran liegen mag, dass die Aufnahme in das „Sternen-System“ mit Kosten verbunden ist.

Künftig soll es nicht nur ein bis fünf Sterne geben. Stattdessen soll ein Plus hinter der Auszeichnung eine neue Kategorie für Häuser bilden, die sozusagen zwischen den Sternen liegen. Ein großes Zimmer mit geräumigem Bad, leider aber ohne eigenem Bademantel, bedeutet dann eher eine „vier plus“ als gerade noch eine „fünf“.

Das Hauptproblem, dass nämlich die Hotels in der Schweiz einfach zu teuer sind, kann keine der geplanten Klassifizierungen lösen. Dass ganz nebenbei der geschätzte Gast die Übersicht verliert, ist den Branchenverbänden zwar schmerzlich bewusst, wird aber offenbar hingenommen. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe soll nun dafür sorgen, dass die Verwirrung nicht zu schlimm ausfällt. Ob dann mehr Touristen ins Land kommen, steht allerdings in den Sternen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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