Skandinavische Fluggesellschaft SAS
Höhenflug mit Luftlöchern

Nach einem überraschenden Quartalsgewinn hat die Fluggesellschaft SAS die Anleger zu Käufen ermuntert. Analysten hatten zuvor mit weiteren Verlusten gerechnet. Doch Konzernchef Gustafson warnt vor zu viel Euphorie.
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StockholmEs passiert nicht oft, dass Rickard Gustafson Grund zur Freude hat. Der Dienstag war jedoch so ein Tag: Der Chef der skandinavischen Fluggesellschaft SAS konnte ein unerwartet starkes Ergebnis für das dritte Quartal des Geschäftsjahres präsentieren. Gustafson sprach von einer „signifikanten Verbesserung“ und einem „positiven Trend“. Für den SAS-Chef, der stets zurückhaltend, ja manchmal sogar schüchtern wirkt, sind diese Aussagen seltene Gefühlsausbrüche. Aber er durfte sich auch freuen: Denn der Vorsteuergewinn verdoppelte sich gegenüber dem Vorjahr nahezu auf zwei Milliarden Kronen (210 Millionen Euro). Analysten hatten mit einem deutlich schwächeren Ergebnis gerechnet. Auch der Umsatz zog auf 12,2 (11,1) Milliarden Kronen an.

Die Aktionäre der halbstaatlichen, von Dänemark, Norwegen und Schweden, betriebenen Airline konnten sich ebenfalls freuen: An der Börse in Stockholm schnellte die SAS-Aktie nach Bekanntgabe der Quartalszahlen zunächst um zehn Prozent nach oben. Später pendelte sie sich bei einem Plus von rund sechs Prozent ein. Dazu trug auch bei, dass Gustafson einen positiveren Ausblick auf das Gesamtjahr 2016/17 abgab.

Nach diversen Sparprogrammen und strategischen Neuausrichtungen scheint die SAS allmählich wieder Luft unter die Tragflächen zu bekommen. Gustafson hat in den vergangenen sechs Jahren mehrere Tausend Mitarbeiter entlassen müssen und ein ums andere Mal neue Restrukturierungsprogramme präsentiert. Denn die SAS leidet seit Jahren unter mehreren Problemen: Da ist zum einen die komplizierte Eigentumsstruktur mit drei Regierungen im Cockpit und bis zu 39 Gewerkschaften in den drei Ländern, mit denen über jedes neue Tarifabkommen verhandelt werden muss.

Derzeit schwelt ein Konflikt mit den dänischen und norwegischen Piloten, die zwischen 20 und 25 Prozent mehr Gehalt fordern. Gustafson ist allenfalls bereit, die Gehälter um zwei Prozent anzuheben. Ob es erneut zu Streiks kommt, ist noch unklar. Nationale Empfindlichkeiten bremsen die Airline ebenfalls aus. Streit gibt es beispielsweise immer dann, wenn die SAS-Leitung eine lukrative neue Strecke eröffnen will. Soll sie von Kopenhagen, Oslo oder Stockholm starten?

An der Fluggesellschaft ist die schwedische Regierung mit 17,1 Prozent größter einzelner Aktionär. Gefolgt wird sie von der dänischen (14,2 Prozent) und der norwegischen  Regierung (11,4 Prozent). Auch wenn es immer wieder Ankündigungen gibt, den staatlichen Anteil zu verringern, ist der Einfluss der drei Regierungen weiterhin groß.

Neben der komplizierten Struktur, die zum Teil dringend notwendige Beschlüsse wegen nationaler Rücksichten unmöglich macht, hat die skandinavische Fluggesellschaft zu spät auf die Konkurrenz durch Billigairlines wie Ryanair und Norwegian reagiert. Außerdem litt die SAS lange Zeit wegen ihrer in die Jahre gekommenen Flugzeugflotte unter den hohen Treibstoffpreisen. Mittlerweile ist die Flotte verjüngt worden, und weitere neue Maschinen sollen kommen. Durch die vielen Sparprogramme konnten auch die Kosten deutlich gesenkt werden.

Das war auch dringend nötig, denn in Nordeuropa, wo die großen Entfernungen nur mit dem Flugzeug überbrückt werden können, herrscht seit Jahren ein unerbittlicher Preiskampf: Kostete vor ein paar Jahren der Flug von Stockholm nach Kopenhagen noch mehrere Hundert Euro, ist er mittlerweile für weniger als 50 Euro zu bekommen.

Neben hohen Kerosinkosten und dem Preiskampf belasten auch enorme Überkapazitäten auf einigen Strecken die nordeuropäischen Airlines. So gibt es zwischen Stockholm und Kopenhagen bis zu 20 tägliche Verbindungen – halbvolle Maschinen sind da keine Ausnahme.

Es waren Ryanair und die norwegische Airline Norwegian, die den Markt aufgemischt haben. Sie brachten die SAS durch kurze Standzeiten, niedrige Ticketpreise, attraktive Ziele und moderne Flugzeuge in schwere Turbulenzen. Vor ein paar Jahren stand die Airline kurz vor dem Konkurs, konnte in letzter Sekunde nur durch neue Bürgschaften der drei Regierungen gerettet werden.

Vor allem die Billigfluglinie Norwegian macht der SAS zu schaffen. Das Unternehmen aus Oslo ist in seinem Heimatland bereits die Nummer 1, und auch in Schweden lockt die Airline mit den Porträts berühmter skandinavischer Künstler auf der Leitflosse immer mehr Passagiere. Als Norwegian vor einigen Jahren sein Low-Budget-Konzept auch auf die Langstrecke ausweitete, wuchs der Druck auf die SAS. Bis dahin hatte sie im hohen Norden ein Quasimonopol für Flüge über den Atlantik. Diese Zeiten sind längst vorbei, und die SAS hat mehrere neue Strecken nach Nordamerika und Asien gestartet.

Auch wenn SAS-Chef Gustafson am Dienstag allen Grund zur Freude hatte, bleibt der Manager realistisch. Und eine Aufweichung der derzeit laufenden Kostensenkungsmaßnahmen ist trotz des Gewinns nicht geplant. „Wir sehen, dass der Preisdruck anhält, wir erwarten eine Flugsteuer in Schweden, und wir haben hohe Kredite, die auslaufen“, sagte er. Außerdem stünden mehrere neue Flugzeuge vor der Auslieferung, die bezahlt werden müssen. Deshalb fügte er schnell hinzu: „Wir müssen deshalb Geld verdienen – mehr als wir es momentan tun.“

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent

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