Unwiderstehliche Esoterik
Eene meene Hex-Appeal

Wer möchte, kann sich heutzutage im Fernsehen die Zukunft voraussagen lassen. Angesichts unzähliger Produkte, Ratgeber und Dienstleistungen nur ein kleiner Zweig des Milliarden-Euro-Markts Esoterik. Dieser wächst und wächst – schon deswegen, weil die Sehnsucht nach Übersinnlichem nicht vergehen will.

OBERHAUSEN. Der Herr Karls fiel von der Treppe. Das war schlimm damals. Seinen Beruf konnte er vergessen: Fliesen legen. Doch der Herr Karls, den sie in seiner Heimat Mönchengladbach nur „Willi“ nennen und der betont, „Wilhelm“ zu heißen, „so wie der Kaiser“, hatte Glück. Er traf Frau Matheika. Auch die hatte schon einiges hinter sich: Mit 28 Jahren Unterleibskrebs und zehn Jahre Ehe mit einem Alkoholiker, „die schrecklichste Zeit meines Lebens“, wie sie sagt.

Frau Matheika, 58, blickt für alle, die wollen, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie legt Karten und hilft zu Kontakten ins Jenseits. Sie gibt „Reiki“-Seminare für universale Lebensenergie und pilgert regelmäßig nach Lourdes. In Deutschland ist sie auf jeder Esoterik-Messe als Beraterin zu finden. So wie auf der in Oberhausen, die am Sonntag zu Ende gegangen ist. Im Gepäck hat sie stets Jesusbilder, Edelsteine, Lichtwasser, Zauberbücher und alles, was sonst so die Schwingungen erhöht. Also auch den Herrn Karls, ihren Assistenten.

Die beiden arbeiten in einer Branche, die vor allem von dem lebt, was niemals zu versiegen scheint: die Sehnsucht nach Übersinnlichem. In zehn Jahren stieg die Mitgliederzahl beim Deutschen Astrologenverband von 600 auf etwa 1 000, beim Dachverband „Geistiges Heilen“ innerhalb von einem Jahr von 2 300 auf 3 000. Seit Mai 2003 gibt es einen Tarotverband. Seit zwei Jahren können Menschen mit Satellitenschüsseln auf Astra-TV Tag und Nacht obskuren Wahrsagern und Gedankenlesern zusehen. Auf diversen privaten Spartenprogrammen glotzen einen Typen mit Tüchern um den Kopf und Ketten und Ringen um Hals und Handgelenken an und beraten Zuschauer live. Aktuellen Branchenschätzungen zufolge setzen Geistheiler, Kartenleser und esoterische Lebensberater in Deutschland etwa neun Milliarden Euro um.

„200 Tage im Jahr sind wir unterwegs“, sagt der Herr Karls in Sakko, saharagelbem Hemd und brauner Krawatte. Seine Augen strahlen vor Begeisterung, als ob er es selbst nicht glauben könnte: „In ganz Europa!“ Dabei sortiert er die als Madonnenfigur gegossenen Plastikfläschchen mit Heilwasser aus Lourdes und rückt die Jesusbilder gerade, auf denen die Augen des Gottessohns so blau leuchten, dass selbst das strahlendste Himmelblauauge der Filmgeschichte, das von Terence Hill, vor Neid bersten würde. In einem Kabuff neben Herrn Karls wartet hinter einem Vorhang Frau Matheika mit offenem, schwarzem Haar und orientalischem Gewand auf Kundschaft. Das Innere des Raums, nicht größer als ein Dixiklo, wirkt wie eine Mischung aus Reliquienschrein, Mini-Wigwam und Wahrsagerkokon, garniert mit Kreuzen, künstlichen Flammen, Heiligenbildern und Zaubersteinen.

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