Weihnachtsgeschäft
Deutschland ist in bester Kauflaune

Im Oktober sind die Einzelhandelsumsätze in die Höhe geschnellt - ein gutes Vorzeichen für ein starkes Konsumplus. Die Wirtschaft hofft nun auf ein besonders umsatzstarkes Weihnachtsgeschäft. Doch einige Faktoren könnten den Kaufrausch dämpfen.
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DÜSSELDORF/FRANKFURT. Die Deutschen kaufen ein, als gäbe es kein Morgen. Nach den überraschend guten Einzelhandelsumsätzen, die das Statistische Bundesamt gestern veröffentlichte, überschlugen sich Bankvolkswirte mit positiven Kommentaren. "Das dürfte das Vorspiel für ein tolles Weihnachtsgeschäft sein", sagte Carsten Brezeski von der ING. "Die Bedingungen für einen anhaltenden Aufschwung in der deutschen Binnenwirtschaft sind so gut wie lange nicht", erklärte Alexander Koch von Unicredit.

Tatsächlich stehen im Jahr eins nach der Rezession die Zeichen für ein ordentliches Konsumplus nicht schlecht: Die Beschäftigung ist auf Rekordniveau und einige Großunternehmen haben angesichts hoher Gewinne Sonderzahlungen an die Belegschaft angekündigt oder Gehaltszuwächse vorgezogen; und selbst in gewerkschaftsfernen Kreisen gelten Lohnerhöhungen nicht mehr grundsätzlich als Teufelszeug. Zudem sind die Zinsen niedrig. All diese Faktoren trieben das GfK-Konsumklima zuletzt auf den höchsten Wert seit Oktober 2007.

Und die amtlichen Statistiken bestätigen die Kauflaune: Die deutschen Einzelhändler nahmen im Oktober 2,3 Prozent mehr ein als im Vormonat. Dabei sind Saison- und Kalendereffekte bereits herausgerechnet. "Einen höheren Zuwachs gab es zuletzt im Januar 2008", sagte ein Statistiker. Nach zehn Monaten liegt der Einzelhandelsumsatz damit um zwei Prozent höher als im Vorjahreszeitraum.

Für das Weihnachtsgeschäft erwartet der Einzelhandelsverband HDE gar 2,5 Prozent mehr Umsatz als im Jahr zuvor. Laut einer Umfrage der internationalen Beratungsgesellschaft Deloitte gehören die Deutschen in diesem Jahr zusammen mit den Schweizern, Luxemburgern und Osteuropäern zu den Kauffreudigsten in Europa.

Finanzpolitik im kommenden Jahr wirkt dämpfend

Lange schwebte das "zweite Bein" der deutschen Wirtschaft in der Luft, sagte Deka-Volkswirt Andreas Scheuerle. Diese Phase, in der das Auslandsgeschäft beinahe im Alleingang die Konjunktur antrieb, sei nun vorbei. Die Binnennachfrage sorge derzeit dafür, "dass wir wieder mit beiden Beinen am Boden stehen". Tatsächlich legte in den Jahren 1991 bis 2001 der private Konsum um 1,9 Prozent im Jahresdurchschnitt zu, von 2002 bis 2009 dagegen wuchs er gerade einmal um 0,2 Prozent pro Jahr. "Und jetzt treten wir wieder in eine Phase mit einer eins vor dem Komma ein", meinte Scheuerle.

Gleichwohl gibt es auch eine Reihe gesamtwirtschaftlicher Faktoren, die einen Kaufrausch wohl verhindern werden. Denn was in der Krise den Konsum vor dem Absturz bewahrte, wird im Aufschwung zur Bremse: An einem Großteil der Bevölkerung perlt die Wirtschaftsentwicklung weitgehend ab. Das verfügbare Einkommen von Studenten, Beamten, Rentnern und anderen Transferempfängern ist weitgehend unabhängig vom Konjunkturverlauf. Etwa ein Drittel der verfügbaren Einkommen seien Transfereinkommen, meinte Roland Döhrn Konjunkturchef am RWI. Zudem sei die Sparquote in den Vorjahren im Trend gestiegen, unter anderem weil das Bewusstsein für die private Altersvorsorge gefördert werde. "Dieser Anstieg könnte sich fortsetzen" - und den Konsum bremsen.

Hinzu kommt, dass die Finanzpolitik 2011 dämpfend wirkt. So steigen die Beiträge zur Arbeitslosen- und zur Krankenversicherung und mindern so das Nettoeinkommen. Zudem werden aufgrund von Steuererhöhungen Zigaretten und Flugtickets teuerer - und Steuererhöhungen sind stets Gift für den Konsum. Außerdem spart die Regierung beim Elterngeld und beim Wohngeld.

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