Zahl der Schweizer Einzelhändler sinkt
Im Supermarkt geht die Angst um

Im Schweizer Lebensmitteleinzelhandel, den sich mit Migros, Coop und Denner bislang vor allem drei Anbieter geteilt haben, gärt es. Schuld ist eine Übernahme: Ausgerechnet die Nummer eins, Migros, will die Nummer drei, Denner, übernehmen. Während sich der Händler bereits innerlich die Hände reiben kann, sehen Kunden und Lieferanten schwarz.

ZÜRICH. Bei einem Umsatz von 23 Mrd. Franken, die der verschmolzene Konzern auf sich vereinen würde, ließen Herr und Frau Schweizer dann pro Jahr rechnerisch 3 000 Franken (2 000 Euro) in ihrer Migrosfiliale. Das ist schön für den Händler, aber schlecht für Kunden, die mit weiter hohen Preisen rechnen müssen. Es ist auch schlecht für Lieferanten: Sie finden sich künftig in einem Markt wieder, in dem sich nur zwei Anbieter mehr als 80 Prozent des Kuchens teilen.

Einer, der den Gärprozess in diesen Tagen beobachtet, ist Helmut Berg. Der Mann ist Treuhänder mit Sitz an der vornehmen Zürcher Bahnhofstrasse. Er hat einen Auftrag: Bergs Büro ist Anlaufstelle der „Interessengemeinschaft gegen übermäßige Marktmacht“. Sie schaltet Anzeigen, in denen sie nach Kritikern des Zusammenschlusses sucht. Er sei, sagt Berg, so etwas wie das Sekretariat für all jene Lieferanten, die Denner vielleicht zum Teufel, aber nicht zur Migros wünschen. „Da steckt große Angst dahinter“, sagt er.

Existenzangst vermutlich. Ein Insider der Branche, der nicht genannt werden möchte, erzählt, wie das System funktioniert: „Wenn Migros Denner gekauft hat, habe ein Lieferant vier Varianten zur Auswahl.“ Entweder macht er sich von Migros abhängig, oder er macht sich von Coop abhängig. Er kann aber auch für keinen von beiden oder für beide arbeiten. Die letzte Variante werde die einzige sein, die ihm ein Auskommen biete. „Wenn allerdings Migros oder Coop husten, komme ich ins Zittern“, sagt der Lieferant – womit auch der Grund genannt wäre, weswegen er lieber ohne Namen bleiben möchte.

Das Thema geht eigentlich die Wettbewerbskommission in Bern an. Allerdings trauen die Lieferanten ihr nicht recht über den Weg. In einem vergleichbaren Fall vor drei Jahren hatte die Kommission schon einmal zugunsten der Großen im Lebensmittelhandel entschieden. Als Begründung verwies sie darauf, dass der gesamte Einzelhandel in der Schweiz noch verhältnismäßig breit aufgestellt sei. Auch diesmal werde voraussichtlich der Gesamtmarkt und nicht der Lebensmittelhandel geprüft, sagt ein Migros-Sprecher.

Noch ein paar Ungereimtheiten fallen auf. Migros wird Zahlen einreichen, die vom internationalen Marktforschungsinstitut AC Nielsen stammen. Wie die Zahlen ausfallen, sagt eine Sprecherin von AC Nielsen nicht – Kundengeheimnis. In anderen Ländern sind die Nielsen-Marktforscher freigiebiger mit ihren Erkenntnissen. Bei der Wettbewerbskommission angekommen, wird das Material einen Bogen um Roger Zäch machen müssen. Er ist zwar Vizepräsident des Gremiums, aber gleichzeitig auch Mitglied des Verwaltungsrats bei Denner und „tritt deswegen bei dem gesamten Verfahren in den Ausstand“, erklärt ein Sprecher der Kommission. Kritische Zeitungsberichte über den Fall dürften auch Mangelware werden, glaubt der Lieferant. Schließlich zählen Migros und Denner zu den wichtigsten Anzeigenkunden der Tageszeitungen.

Was bleibt ist die Hoffnung, dass die Interessengemeinschaft die Politik aufscheucht. Justizminister Christoph Blocher wäre ein passender Kandidat. „Im Schweizer Detailhandel hat es zu wenig Teilnehmer“, hatte der kürzlich festgestellt und damit den Gärprozess munter angeheizt.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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