Absatzflaute
Nutzfahrzeugindustrie steckt in ihrer tiefsten Krise fest

Korruptionsskandal beim MAN-Vertrieb - das wirft ein Schlaglicht auf die Härte der Bandagen im Wettbewerb der Lkw-Branche. Zeitlich fällt die Schmiergeldaffäre zwar noch in die vorangegangene Branchenkrise Anfang des Jahrzehnts, doch die ist kein Vergleich zum Erdrutsch, den die Branche in den vergangenen zwölf Monaten erlebt hat.
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STUTTGART. Die Lkw-Branche ringt um Halt. Der Absatz der gesamten Branche brach in den vergangenen zwölf Monaten um rund 50 Prozent ein. Kurzarbeit ist bei den deutschen Herstellern an der Tagesordnung. Alle bedeutenden Produzenten - Daimler, Volvo und MAN - schreiben tiefrote Zahlen. Zwar machten die Lkw-Chefs der Hersteller, wie etwa Volvo-Chef Leif Johannsson oder Daimler-Vorstand Andreas Renschler, erste Anzeichen einer leichten Besserung des Geschäfts aus. Branchenweit zeichnet sich bislang aber keine durchgreifende Erholung der Märkte ab.

Nach der Prognose des Verbands der europäischen Automobilhersteller (ACEA) wird auch im Gesamtjahr ein Absatzminus von 50 Prozent stehen. Nach Verbandsangaben wurden zwischen Januar und September dieses Jahres in Europa knapp 1,3 Mio. Nutzfahrzeuge neu registriert. Im gleichen Zeitraum 2008 waren es noch über 1,9 Mio. Fahrzeuge. Allerdings sieht auch der ACEA vorsichtige Entspannungszeichen in Europa: Während im August der Absatz bei Nutzfahrzeugen noch um 35,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat einbrach, ging er im September nur noch um 27,7 Prozent zurück.

In Deutschland klagt die Branche zudem über ein Sonderproblem. Spediteure und Lkw-Hersteller sehen sich gefangen in einer Abwärtsspirale. So hat die Bundesregierung die Lastwagenmaut erhöht und zudem nach Schadstoffausstoß gestaffelt. Ältere Fahrzeuge verlieren an Wert, die Flotten können kaum noch zur Finanzierung neuer Lastwagen herangezogen werden. Die ohnehin zögerlichen Banken drehten den Geldhahn nun ganz zu, klagen die Transportverbände. Ohne die Ersatzbestellungen von Kommunen oder anderen öffentlichen Auftraggebern sähe das Bild noch dramatischer aus. Der deutsche Nutzfahrzeugmarkt hat im Oktober um 27 Prozent nachgegeben. Damit wurden seit Jahresbeginn insgesamt 29 Prozent weniger Fahrzeuge als im Vorjahr in Deutschland abgesetzt.

Matthias Wissmann, der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), sagte daher kürzlich: "Die Absatzkrise auf dem deutschen Markt ist nicht vorüber. Der Inlandsmarkt beginnt sich aber langsam zu fangen - wenngleich auch auf sehr niedrigem Niveau." Allerdings bleiben die Exportmärkte unter erheblichem Druck. In den ersten drei Quartalen wurden rund 109 000 (minus 63 Prozent) Nutzfahrzeuge ausgeführt. Auch beim Export ist mit einer Belebung vorerst nicht zu rechnen. Die Auftragseingänge aus dem Ausland sanken zuletzt im September um 24 Prozent, seit Jahresbeginn gaben die Auslandsbestellungen um 50 Prozent nach.

Weltweit wächst nach Einschätzung von Experten der Markt nur noch in China und mit großem Abstand allenfalls noch in Indien und Brasilien sowie den Golfstaaten außer Dubai. Deshalb schmieden deutsche Hersteller verstärkt Allianzen in den Schwellenländern. MAN ist im Sommer eine strategische Partnerschaft mit dem chinesischen Lkw-Hersteller Sinotruck eingegangen. Daimler baut die Kooperation mit dem russischen Marktführer Kamaz aus. Im Gespräch ist eine Aufstockung der Beteiligung von zehn Prozent.

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