Airbus A380 im Sinkflug
Himmlische Sphären

Der einstige europäische Vorzeigekonzern EADS hat sich gewünscht, einmal mehr zu sein als nur Airbus. Längst hat sich der Industriekoloss in einem deutsch-französischen Grabenkrieg aufgerieben. Wie sich die Vorzeigefirma EADS zum Krisenfall entwickelte – Die Anatomie des Airbus-Konzerns zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

FRANKFURT | MÜNCHEN. Eine Tribüne mit 5 000 geladenen Gästen ist in tiefblaues Licht gehüllt. Nebelschwaden steigen auf, Feen und Elfen schweben über die Bühne, Wasserfontänen, sphärische Musik. In einer einfachen Montagehalle, die sonst von Blaumännern und nicht von Großkopferten beherrscht wird, beginnt das große Staunen: „Der Mensch“, säuselt ein computeranimierter Magier mit Glatze und langem Spitzbart, „ist zu allem in der Lage.“ Nur nicht zu hoch fliegen wie einst Ikarus, der der Sonne zu nahe kam, warnt er dann und verschwindet – Hokuspokus – wieder von der Großleinwand.

Der alte Weise mahnt an diesem Tag vergebens. Gleich werden vier europäische Staats- und Regierungschefs der Realität entschweben und nationale Hymnen auf ein halbfertiges Flugzeug mit der Seriennummer MSN 001 singen: „Mag sein, dass wir nach den Sternen gegriffen haben, aber bezogen auf die Luftfahrt haben wir heute einen wesentlichen Teil davon in der Hand“, fabuliert etwa Altkanzler Gerhard Schröder, bevor der weiße Super-Airbus A380 vor den Augen des Publikums enthüllt wird.

„Le Figaro“ erhebt diesen tristen und stürmisch-kalten 18. Januar 2005 zum „Jour de Gloire“, dem Tag des Ruhmes. Die Roll-out-Zeremonie des Riesenjets A380, stundenlang live übertragen in Funk und Fernsehen, wird zum höchsten Feiertag für Airbus und markiert den Zenit in der steilen Karriere des Noël Forgeard. Der Manager sitzt an diesem Tag neben all den Mächtigen, ruckelt nervös auf einem Stuhl hin und her und schiebt mit zwei Fingern ständig seine Brille zurecht. Frankreichs Präsident Jacques Chirac erhebt die A380 gerade zum „technischen Wunder“, zum „Himmelsschiff“, sein Kapitän heißt Forgeard.

18 Monate später wird Forgeard, 59, aus dem hohen Amte der Airbus-Mutter EADS gejagt – ausgerechnet er, der Treiber dieses europäischen Vorzeigekonzerns. Jener Mann, der als langjähriger Airbus-Chef den einst übermächtigen US-Widersacher Boeing das Fürchten lehrte. Wie passt das zusammen?

„Der Konzern hat sich an den Airbus-Verkaufserfolgen berauscht und mit dem A380-Programm schließlich auch den Markt und die Öffentlichkeit geblendet“, analysiert der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Wunsch und Wirklichkeit seien über die Jahre immer stärker auseinander gedriftet. Der Wunsch ist, dass die European Aeronautic Defence and Space Company, kurz EADS, einmal mehr sein soll als nur Airbus. Dann müsste der Konzern nicht nur im zivilen Flugzeugbau punkten, sondern auch im lukrativen Militärgeschäft, das den Rivalen Boeing erst zu einem 60 Milliarden Dollar Umsatz umfassenden Industriekoloss werden ließ.

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