Analyse
Thyssen-Krupp: Vom rechten Weg abgekommen

So viel ist sicher: Thyssen-Krupp wird am 1. Dezember ein Rekordergebnis präsentieren. Der Düsseldorfer Mischkonzern hat im Geschäftsjahr 2004/05 das Vorjahresresultat von 1,5 Milliarden Euro deutlich übertroffen, die Zielmarke von zwölf Prozent Rendite auf das eingesetzte Kapital (Roce) ebenfalls.

HB DÜSSELDORF. Nur eines der fünf Segmente befleckt die ansonsten strahlend weiße Weste: Das Autozuliefergeschäft blieb mit einem voraussichtlichen Ergebnis vor Steuern und Zinsen von 150 Millionen Euro um mehr als 60 Prozent unter Vorjahr. Mindestens 285 Millionen Euro hätten es sein müssen, um die der Sparte vorgegebenen Kapitalkosten (Zinssatz plus Risikoaufschlag) von 9,5 Prozent zu verdienen. Damit liegt die Zuliefersparte der Konzernmutter mit mehr als 100 Millionen auf der Tasche, während Stahl, Anlagenbau und Werften, Aufzüge sowie Dienstleistungen jeweils positive Beiträge in dreistelliger Millionenhöhe leisteten.

Wichtigster Grund für das schlechte Abschneiden von Automotive ist die Krise der drei größten amerikanischen Automobilhersteller General Motors (GM), Ford und Chrysler. Thyssen-Krupp macht etwa 80 Prozent seines Autozuliefergeschäfts in den USA mit den „Big Three“. Weil aber insbesondere die beiden wichtigsten Kunden GM und Ford weiter Marktanteile verlieren, muss Thyssen-Krupp seine Kapazitäten erneut anpassen.

Nach 150 Millionen Euro vor drei Jahren hat die Restrukturierung des US-Geschäfts weitere 100 Millionen Euro gekostet. Manche Analysten befürchten, dass weitere Belastungen drohen. Dagegen spricht, dass Thyssen-Krupp das Rekordergebnis für umfangreiche Risikovorsorge genutzt haben dürfte. Eine Pleite von GM ist allerdings nicht aus der Welt – und auch noch nicht bilanziert.

Konzernchef Ekkehard Schulz hat Gerüchte, Thyssen-Krupp wolle sich von Teilen oder gar der kompletten Autozuliefersparte trennen, postwendend dementiert. Das verwundert nicht, denn ein akzeptabler Preis wäre derzeit kaum zu erzielen. Die ehrgeizigen Wachstumspläne für das Zuliefergeschäft hat der Konzern aber stillschweigend begraben. Auf bis zu zehn Milliarden Euro Umsatz sollte der Umsatz mit Kurbelwellen, Nockenwellen, Stoßdämpfern Lenkungen, Seitenteilen und Türen bis 2008 steigen. Weil aber die internen Renditevorgaben derzeit so klar verfehlt werden, dürfte die Autosparte bei der Verteilung der Investitionsmittel vorerst kurz gehalten werden.

Investoren kritisieren ohnehin die unklare Strategie. Mit sieben Milliarden Euro Umsatz liegt Thyssen-Krupp nur im Mittelfeld der Branche. Dafür aber ist das Angebot insgesamt zu groß. Nur bei wenigen Produkten hat das Unternehmen führende Positionen erobert. Und: Mit seiner Doppelrolle als Autozulieferer und Stahllieferant macht sich der Konzern erpressbar. Salzgitter kann es verkraften, in Stahlpreis-Verhandlungen mit VW nicht einzuknicken und einen Auftrag zu verlieren. Thyssen-Krupp hingegen wird sich das zweimal überlegen und im Zweifel seinem größten Kunden Zugeständnisse machen.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
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