Autobranche
Berater: Daimler steht vor Identitätsfrage

Mit einem harten Sparprogramm will Daimler aus der Krise kommen. Damit nicht genug. Im Gespräch mit Handelsblatt.com erklären Autoexperten der Beratungsgesellschaft PA Consulting Group, warum sich Daimler auch die Identitätsfrage stellen muss - und um eine Partnerschaft mit BMW nicht herumkommen wird.

HB STUTTGART. Es sind finstere Zeiten beim Daimler. Der Erfinder des Automobils steht mit tiefroten Zahlen da, der Pkw-Absatz ist in einem Quartal um ein Drittel eingebrochen - und auf die Belegschaft kommt ein hartes Sparprogramm mit empfindlichen Einschnitten zu. Der Glanz des Sterns ist verblasst. Der Stolz beim Daimler tief getroffen. Und doch: "Premium hat eine Zukunft und wird weiter seinen Platz haben", sagt Engelbert Wimmer, Automobilexperte und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Beratungsgesellschaft PA Consulting Group.

Nur: Erstens, so Wimmer, werde nicht jede Nische in Zukunft noch besetzt werden. Und, zweitens, noch wichtiger: Ohne Partner geht es nicht - auch nicht für Daimler. So gesehen kommt auf Daimler nach der akuten Krisenbewältigung eine Identitätsfrage zu: "Wofür sind wir im Automarkt überhaupt da? Daimler muss sich selbst neu aufstellen." Und da kommt Daimler ohne Partner nicht mehr aus.

Die Rede ist allerdings nicht von Beteiligungen, also von Konzernverbünden etwa, sondern vielmehr von Einkaufsgemeinschaften oder Entwicklungskooperationen. Auch bei den Finanztöchtern hält Wimmer eine Zusammenarbeit für vorstellbar. "Und da Audi de facto zu Volkswagen gehört, bietet sich für Daimler eigentlich nur noch ein Hersteller als Partner an: nämlich BMW", sagt sein Kollege Thomas Goettle, Mitglied der Geschäftsleitung bei PA in Deutschland.

Beide Hersteller haben viel gemein - und zwar nicht nur die Fokussierung aufs Premium-Segment. Sowohl BMW als auch Daimler liegen weit unter der von Fiat-Chef Sergio Marchionne und anderen Branchenfachleuten ausgegebenen magischen Produktionsmarke von fünf bis sechs Millionen Autos im Jahr. Daimler kam im vergangenen Jahr auf 1,3 Millionen Fahrzeuge, BMW auf 1,4 Millionen.

Und für Wimmer steht fest: "Daimler und BMW werden um eine Zusammenarbeit kaum herumkommen." Diese Erkenntnis sei im Top-Management beider Konzerne schon angekommen - nur in der mittleren Führungsebene gebe es noch die ein oder andere Hürde, die überwunden werden müsste. Wobei im Grunde die Erkenntnis auf allen Ebenen da sei. "Daimler muss den Mut zu Kooperationen haben, in denen niemand eine Dominanz inne hat", sagt Wimmer.

Dass Daimler diesen Weg gehen wird, dafür könnten auch Großaktionäre wie die neuen Daimler-Teilhaber aus Abu Dhabi sorgen, so Wimmer. Mit den professionellen Investoren an Bord werde der Ton rauer - und der Druck höher, einschneidende Entscheidungen zu treffen.

Ein Lichtblick für Daimler, so die Experten von PA, wäre für Daimler vor allem, wenn in China ein zusätzlicher Ankeraktionär gefunden werden könnte - der langfristig orientiert sei und gleichzeitig disziplinierend auf das Management einwirke.

Mit dem Sparprogramm habe Daimler einen entscheidenden Schritt getan. "Für Stuttgarter Verhältnisse ist das ein mittleres Erdbeben. Das ist kein kosmetischer Schnitt", sagt Wimmer. Von Werksschließungen, wie sie etwa andere Hersteller vornehmen, halten die Berater wenig. Flexibilisierung sei vielmehr das Gebot der Stunde. "Kurzfristig mag die Schließung von Fabriken vielleicht gewinnbringend sein. Aber langfristig ist es schädlich, weil im Aufschwung dann nicht mehr entsprechend angreifen kann", sagt Goettle.

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