Autostandort Rumänien
Gestern Kutsche, morgen schon Pick-up

Konzerne wie Renault und Continental machen Rumänien zum wichtigen Produktionsstandort für Autos - und schrauben so auch die Ansprüche der Rumänen immer höher.

BUKAREST. Man sieht Christian Estève an, wie gern er nun sagen würde, was er noch nicht sagen darf - dass sein Konzern Renault sogar schon einen Geländewagen mit Allradantrieb Marke Dacia plant. Wenn er nicht gerade in Bukarest ist, führt der Renault-Vorstand mit der Stirnglatze von der Konzernzentrale in Paris aus das Osteuropageschäft und wacht über den Kurs der rumänischen Tochter Dacia.

Das macht Estève immer mehr Freude. Seit die Franzosen Dacia vor neun Jahren übernahmen, wurde aus dem Sanierungsfall ein Aktivposten für Renault. Und der Erfolg schafft umgekehrt neue, solventere Kunden in Rumänien - nicht nur für Renault.

Allein dem Erfolg des Billigautos Logan verdankt es Renault-Chef Carlos Ghosn, dass er seine ehrgeizigen Wachstumsziele für 2009 noch erreichen kann. Den Großteil des im Vergleich zu 2005 zusätzlich versprochenen Absatzes von 800 000 Autos soll Dacia bringen.

Ghosns Osteuropa-Mann Estève steht an diesem Abend im strahlenden Sonnenschein im Hof des prächtigen Designcenters, das der Autobauer Anfang Juni in Bukarest eröffnet hat. Vor dem Eingang der 20er-Jahre-Villa, einst der Residenz des Schweizer Botschafters, steht ein blaues Showcar. Das Einzelstück zeigt, wie ein zeitgemäßer Dacia - intern "Crossover" genannt - aussehen könnte. Das Design hat nicht mehr viel zu tun mit dem biederen Minimalkonzept des Logan.

Solche Billigautos im Kastenformat finden zur großen Überraschung der Renault-Manager selbst im autoverliebten Deutschland Käufer - vergangenes Jahr waren es 17 000, die bei Einstiegspreisen von 7 200 Euro zuschlugen. Nach der ebenfalls hierzulande angebotenen Kombi-Version und zwei Varianten für Schwellenländer - einem Van und einem Pick-up - folgt am 20. Juni mit dem Sandero der fünfte Streich von Dacia. Der Wagen ist ein lediglich 200 Euro teurerer Logan, aber schön und rund.

"Das Auto wird jüngere Fahrer ansprechen", sagt Jacques Rivoal, Renaults Statthalter in Deutschland. 3 000 Vorbestellungen lägen bereits vor. Mit 8 500 verkauften Logan bis Ende Mai verzeichnet Rivoal im Jahresvergleich ein Plus von 29 Prozent auf dem ansonsten trostlosen deutschen Automarkt: "Dacia hat damit etablierte Marken wie Saab, Chrysler und Porsche überholt", sagt Rivoal.

Der Billig-Bestseller zeigt, dass auch Deutsche wegen hoher Benzinpreise und stagnierender Kaufkraft beim Autokauf sparen. Mindestens 25 000 Logan will Rivoal Ende des Jahres hierzulande abgesetzt haben.

Beim EU-Neuling Rumänien läuft die Dynamik genau andersherum. Vor dem angesagten Restaurant "Heritage" im Bukarester Botschaftsviertel telefoniert Dacia-Manager Liviu Ion mit seinem schicken iPhone. Die leuchtenden Farben seiner Hemden übertreffen nur seine schrillen Krawatten. "Ich habe jahrelang in einer unbeheizten Wohnung gelebt. Jetzt will ich etwas vom Leben haben", sagt er und spricht damit aus, was viele seiner gut 21 Millionen Landsleute denken.

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