Biokraftstoff-Branche
Bio allein reicht nicht mehr

Die Biokraftstoff-Industrie galt einmal als Wachstumsbranche schlechthin. Heute ist von Euphorie nicht mehr viel zu spüren: Viele Hersteller von Biokraftstoffen kämpfen ums Überleben. Den Hauptschuldigen sehen viele Unternehmen in der Politik.

DÜSSELDORF. Es ist noch nicht lange her, dass die Biokraftstoff-Industrie in Deutschland als Wachstumsbranche schlechthin gefeiert wurde. Jetzt kämpfen viele Anbieter ums Überleben. Die Gründe dafür sind vielfältig: Rohöl wird rapide billiger, was dem alternativen Sprit zumindest kurzfristig ein Verkaufsargument nimmt. Zugleich lösten sich politische Anreize nach und nach in Luft auf, auf deren Grundlage Hunderte Millionen Euro investiert wurden. Doch die aktuelle Krise ist aus Sicht von Experten lehrreich: Sie zeigt, welche Konsequenzen die Anbieter daraus für ihre künftige Ausrichtung ziehen sollten.

Wer sich derzeit in der Branche umhört, spürt wenig von der anfänglichen Aufbruchstimmung: "Eine junge Industrie ist an den Rand der wirtschaftlichen Existenz gedrängt worden", sagt Vorstand Roger Böing von Petrotec, einem Biodieselhersteller aus dem Münsterland. "Es kann nicht mehr lange gut gehen", beobachtet Johannes Lackmann, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Biokraftstoffindustrie. 2007 habe die Auslastung der Anlagen im Durchschnitt bei 80 Prozent gelegen, 2008 waren es bisher 60 Prozent. Viele Unternehmen hätten bereits aufgegeben, andere kämpfen um das Überleben.

Einen Hauptschuldigen sehen viele in der Politik: Die Besteuerung von Biodiesel für den Reinkraftstoff wurde seit August 2006 stetig erhöht, so dass er seinen Preisvorteil gegenüber herkömmlichem Diesel verlor. Allein hierdurch brach dieser Markt um 50 Prozent ein.

Aber die Anbieter haben auch strategische Fehler gemacht. Doch sollte sich die Branche aus Sicht von Beobachtern noch nicht selbst abschreiben. "Die Industrie hat durchaus Zukunft, wenn sie bestimmte Herausforderungen meistert", sagt Henning Müller von der Unternehmensberatung Accenture. Die Beratungsgesellschaft stellt in den kommenden Tagen eine Studie vor. Titel: "Biokraftstoffe - Zeit des Übergangs".

Eine der Lehren für die Industrie: Bio allein reicht nicht mehr. "In den ersten Boomjahren haben vor allem Finanzinvestoren einfach eine Anlage in die Landschaft gestellt und gedacht, das Geschäft wird schon klappen", sagt Müller. Es kam anders: Erst verlor Biokraftstoff seinen Preisvorteil, weil die Politik entgegen früherer Zusagen auch diesen Kraftstoff besteuerte. Dann brach eine Diskussion über Biosprit als Verursacher von Hungerkatastrophen los. "Heute müssen wir nicht nur mit der Politik sprechen, sondern auch mit Greenpeace und Brot für die Welt", sagt Verbandschef Lackmann.

Das Beispiel Petrotec unterstreicht, dass Bio allein kein Selbstläufer mehr ist. Die Firma produziert Biodiesel mit einer Jahreskapazität von 185 000 Tonnen aus gebrauchten Brat- und Frittierfetten. Das schont nicht nur die Ressourcen, sondern ist nachhaltig und klimafreundlich. Doch dies ist kein Garant für wirtschaftlichen Erfolg, wie der Blick in die Bilanz zeigt. Im ersten Halbjahr 2008 stieg der Umsatz um 30 Prozent, der Betriebsverlust aber um 127 Prozent. Im August musste sich Petrotec in die Arme des israelischen Investors IC Green Energy retten.

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