Biosprit E10
Klimaschutz kostet Geld

Die Debatte um den Biosprit E10 kennt nur Verlierer. Die Gründe dafür sind vielfältig, und sie liegen auf dem Tisch. Leider zieht keiner der Akteure die richtigen Konsequenzen. Ein Kommentar.
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Die Kohlendioxidemissionen im Verkehrssektor müssen drastisch sinken, und zwar schnell. Die Beimischung von Biosprit ist nicht der allein selig machende Weg zur Reduktion der Kohlendioxidemissionen. Wer aber angesichts der nicht zu leugnenden Probleme bei der E10-Einführung die Beimischung in Bausch und Bogen verurteilt und ganz von der Liste der Lösungsmöglichkeiten streichen will, verkennt den Ernst der Lage. Die Zeit drängt, die Zahl der Instrumente ist begrenzt. Die Kohlendioxidemissionen sollen innerhalb der EU im Vergleich zu 1990 bis 2020 um 20 Prozent sinken. In der EU-Kommission gibt es sogar starke Stimmen, die das Reduktionsziel auf 30 Prozent erhöhen wollen. Wer es mit den Reduktionszielen ernst meint, muss nach jedem Strohhalm greifen.

Das sollten sich auch Mineralölwirtschaft und Autoindustrie zu Herzen nehmen. Die Mineralölwirtschaft hat das Thema von Anfang an mit spitzen Fingern angefasst. Die Branche hat kein großes Interesse daran, E10 zum Durchbruch zu verhelfen. Es lässt sich mehr Geld damit verdienen, fossilen Brennstoff zu verkaufen. Ein steigender Biosprit-Anteil schmälert die Margen. Also hielten sich die Bemühungen der Branche, an den Tankstellen für Aufklärung zu sorgen, bislang in Grenzen. Auch die Automobilindustrie hätte mehr tun können. Es ist zwar unbestritten, dass mehr als 90 Prozent der in Deutschland zugelassenen Autos E10-Sprit vertragen. Offensichtlich ist diese Botschaft aber bei vielen Autobesitzern noch nicht angekommen.

Dabei muss gerade die Autobranche großes Interesse daran haben, einem hohen Biosprit-Anteil zum Durchbruch zu verhelfen. Denn die auf diesem Wege erreichte Kohlendioxid-Reduktion wird dem Verkehrssektor als Teil der Zielerreichung angerechnet. Wenn viel Biosprit getankt wird, müssen sich die Hersteller an anderer Stelle bei der Emissionsreduktion weniger anstrengen. Das ist sehr in ihrem Sinne: Jahrelang hat sich gerade die deutsche Automobilbranche erfolgreich gegen strengere Grenzwerte bei den Kohlendioxidemissionen gewehrt und Vorstöße der Politik durch intensive Lobbyarbeit verwässert. Erst vor wenigen Jahren sind die Hersteller aufgewacht und setzen aus eigenem Antrieb auf sparsamere, effizientere Motoren.

Die größte Achillesferse hat der Biosprit bei der Nachhaltigkeit. Die industrielle Agrarproduktion von Energiepflanzen bringt ökologische Probleme mit sich, die Verdrängung des Pflanzenanbaus für die Ernährung durch Energiepflanzen ist ein Problem von globaler Dimension. Doch diese Probleme lassen sich lösen. Regelungen zur nachhaltigen Produktion von Energiepflanzen müssen über jeden Zweifel erhaben sein, die entsprechenden Zertifizierungssystem lassen sich noch deutlich verbessern. Die unbestreitbaren Probleme, die es in dieser Hinsicht gibt, sind längst erkannt und lösbar, sie sind somit kein Grund, E10 komplett abzulehnen.

Übrigens: Dass manche Oppositionspolitiker und einige Wirtschaftsvertreter das Scheitern der E10-Einführung der Bundesregierung in die Schuhe schieben wollen, kann man nicht wirklich ernst nehmen. Der Einführungstermin ist lange bekannt gewesen, die betroffenen Branchen hatten alle Zeit der Welt, die entsprechenden Vorkehrungen zu treffen.

Das Problem des geringeren Energiegehalts des Biosprits kann man nicht allein mit dem verengten Blick auf die letzte Tankrechnung diskutieren. Klimaschutz kostet Geld, es gehört nicht viel Phantasie zu der Prognose, dass es in Zukunft immer teurer werden wird, mit dem eigenen Wagen von A nach B zu fahren. Wer Klimaschutz will, muss höhere Kosten in Kauf nehmen.

Der E10-Sprit hat Schwächen. Ihn wegen der Probleme bei seiner Einführung zu verdammen, können wir uns aber nicht leisten.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Biosprit E10: Klimaschutz kostet Geld"

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  • "Die Kohlendioxidemissionen im Verkehrssektor müssen drastisch sinken, und zwar schnell." Wieso? Wegen des Klimamärchens? Weil sich in Deutschland eine Staatskirche entwickelt hat, die das postuliert? Weil Schulkinder mitlerweile Angst haben, daß die Erde untergeht, und die kleinen Gehirnwäscheopfer jetzt getröstet werden müssen? Klartext, liebes HANDELSBLATT: Das CO2-Treibhausdogma ist ein aufeinandergestapelter Turm von Hypothesen und Spekulationen, und schon die Basishypothesen sind falsch. Und es sind eine Reihe von deutschen Wissenschaftlern, die bei der Widerlegung des Treibhausdogmas die weltweit führende Rolle einnehmen. Nicht ein einziger von denen ist in den letzten Jahren von irgendeinem HB-Redakteur angesprochen worden. Stattdessen werden immer nur die offiziellen Glaubenssätze wiederholt. Kritischer Journalismus? Leider Fehlanzeige.

    Klaus Ermecke
    KE Research
    Oberhaching

  • Nicht nur das evtl. die Klimabilanz negativ durch E10 ausfallen könnte, kommen dann noch höhere Lebensmittelpreise auf die Bevölkerung zu und manche werden dadurch Hunger leiden. Siehe Brasielien.
    Gern würde ich E10 kaufen wenn der gesammte Bioanteil aus unserer Landwirtschaft kommen würde.
    Ich frage mich wie groß die gerodeten Flächen werden, wieviel Urwald, Tiere und Lebensraum zerstört wird.
    Und ich frage mich wieviel CO2 dabei freigesetzt wird.
    Wenn unsere Politik auf nachhaltige Energie aus ist und Klimabilanzen immer besser werden müßen, dann sollten Sie sich für die FH Zürich interressieren. Die suchen noch Geldgeber für Ihr Solar - Benzin Projekt. Dort wird aus Co2 (was ja genug vorhanden ist) Wasser und anderen komponenten ein Grundgas für die Benzinherstellung aus der Sonnenenergie gewonnen. Ja richtig Benzin in unbegrenzter Menge aus Solarenergie.
    Lieber Staat, kauft euch dort ein.

  • Wer verkennt den Ernst der Lage? Etwa das Handelsblatt? Das Großkraftwerk Mannheim verbrennt pro Tag 6.800 Tonnen Kohle. Das ergibt 18700 t CO2 oder 9 350 000 m3. Das sind 125 Fußballfelder 10 Meter hoch mit CO2 bedeckt.

    Steinkohle enthält immer in Spuren Uran, Thorium und Radium. Wieviele kg sind Spuren von 6 800 000 kg. 10kg, 20kg oder 100kg? Sie dürfen wählen, wie viele kg strahlendes Material pro Tag in Mannheim verbrannt und über Hochschornsteine über ganz Europa verteilt werden. Wie ernst ist denn diese Lage?

    Wie wird CO2 abgebaut? Durch die Ozeane und den Wald. Ist es dann sinnvoll, Regenwälder brandzuroden um Ethanol zu erzeugen? Wieviel CO2 entsteht bei der Herstellung von Kunstdünger und anderen Zutaten zur Ethanol-Produktion? Wie viel Methan (1000fach schädlicher als CO2) entsteht beim Wachsen der Pflanzen? Wie lange macht das Ackerland eine solche Intensivnutzung mit?

    Wie ernst ist eigentlich die Lage für die Dritte Welt? Ist dem Handelsblatt entgangen, dass allein durch den Wahnsinn der Deutschen die Weltmarktpreise für Getreide steigen? Und was machen wir bitte schön mit den hungernden Kindern, die jetzt noch weniger zu essen bekommen?

    Das Handelsblatt rühmt sich eines pragmatischen Schreibstils höchster Qualität. Und lässt sich vor einen grün-ideologischen Karren spannen, der Unsummen Volksvermögen sinnlos verbrennt.

    Alle Achtung vor der Mineralölindustrie. Sie sagt erstens, dass ihre diesbezüglichen Entscheidungen nur auf Druck der Politik zustande kamen. Sie befürchtet offensichtlich zweitens, dass sie die Lasten zu tragen hat, die beim Zusammenbruch dieses Wahnsinns entstehen. Und Drittens verzichtet sie auf den Einsatz ihrer Lobby, um daraus ein sattes Geschäft auf Kosten des Steuerzahlers zu machen.

    Dem Ernst der Lage würde das Handelsblatt gerecht werden, wenn es korrekt über den Stand der Technik bei Kernkraft und Kernfusion berichten würde. Doch da unterwirft es sich, wie viele andere auch einer höchst fragwürdigen Zensur.

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