Blitzumfrage in Übersee
Deutsche verschanzen sich in den USA

Deutsche Unternehmen in den USA stellen sich auf eine langfristige US-Krise ein. Die Firmen spüren schon jetzt den Einbruch, reagieren mit Kostensenkungen und fokussieren sich auf konjunkturresistentere Sparten. Das zeigt eine Blitzumfrage der Unternehmensberatung Droege & Comp. unter mehr als 300 Firmenmanagern in den USA, die dem Handelsblatt vorliegt.

DÜSSELDORF. Die Hälfte der Firmen sieht den Abschwung aber auch als Chance, um Wettbewerber anzugreifen. Über 70 Prozent der anonym und online Befragten berichten von bereits jetzt sichtbaren und deutlichen Auswirkungen. Bei mehr als der Hälfte ist die Nachfrage um zehn oder mehr Prozent eingebrochen. Nur rund ein Viertel beklagt sich nicht über Umsatzrückgänge. Erst gestern kündigte der deutsche Automobilkonzern Daimler an, zwei LKW-Werke in Kanada und den USA angesichts der Nachfrageschwäche zu schließen.

"Wir müssen uns auf eine langfristige Krise des US-Geschäfts einstellen, die zum Teil schmerzliche Anpassungen erfordern wird", sagt Lars Knorn, Direktor im New Yorker Büro von Droege. Die große Mehrheit der Manager geht davon aus, dass sich die Finanzkrise rasch auf die Realwirtschaft überträgt, indem sich das Konsumklima verschlechtert und Ausrüstungsinvestitionen verschoben werden. Die Befragten sind kleine Mittelständler mit 20 bis 50 Mio. Euro Umsatz bis hin zu Großkonzernen mit mehreren Milliarden Euro Umsatz, darunter vier Dax-Unternehmen. Die Teilnehmer repräsentieren alle Branchen, darunter Maschinenbau, Grundstoffindustrie, Konsum und Dienstleistung.

Vor allem für die Konsumgüterhersteller, den Handel, die Auto- und die Bauindustrie trübt sich die Lage empfindlich ein. Grund dafür ist, dass viele Amerikaner weniger Geld ausgeben, nachdem ihre fremdfinanzierten Immobilien an Wert verloren haben und sie in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Neben Daimler und BMW stimmte bereits Europas größter Softwarehersteller SAP die Öffentlichkeit auf härtere Zeiten ein. Auch der Baustoffriese Heidelberg Cement, die Stahlhersteller und der exportlastige Maschinenbau richten sich auf einen Branchenabschwung ein. "Der Markt riecht, dass das bei anderen Unternehmen ähnlich sein wird", sagt Commerzbank-Analyst Achim Matzke.

Die befragten Firmen rechnen damit, dass die Finanzkrise noch mindestens ein Jahr lang andauern wird. Die Rückkehr auf einen stabilen Wachstumspfad werde sich noch länger hinziehen. Knapp vier von fünf Managern gehen davon aus, dass die US-Konjunktur frühestens in einem Jahr wieder stabil mit mindestens zwei Prozent wachsen wird. Ein Drittel glaubt sogar, dass sich das US-Klima erst auf Sicht von zwei und mehr Jahren verbessern wird.

Angesichts einer solch ausgedehnten Zeitspanne lohnen sich tiefgreifende Umstrukturierungen. Dazu zählt, sich künftig auf konjunkturunabhängigere Segmente zu konzentrieren. Für Zulieferer heißt das, anstelle nur eines Automobilkonzerns, der angesichts seiner miserablen Verfassung die Kosten drückt, neue Firmen in anderen Bereichen zu beliefern, beispielsweise im resistenteren Dienstleistungssektor.

Großes Augenmerk richten die Unternehmen auf Kostensenkungen, die nicht unmittelbar die Produktion treffen. Dazu zählen Verwaltung, Marketing und Werbung. In den vergangenen Jahren haben bereits viele Dax-Konzerne, darunter Daimler und der Versicherer Allianz, in ihren deutschen Zentralen die Verwaltung gestrafft und Personal abgebaut.

Während zwei Drittel der Befragten die Krise als Bedrohung betrachten und deshalb eher in die Defensive gehen, hebt immerhin ein Drittel die Chancen hervor. Rund die Hälfte der deutschen Unternehmen sieht sich in den USA sogar als Angreifer, um Wettbewerber zu verdrängen oder bald preisgünstig zu übernehmen. Dabei kommt deutschen Firmen zugute, dass sie diesmal im Gegensatz zum Abschwung kurz nach der Jahrtausendwende relativ gering verschuldet sind.

Der Automobilzulieferer Kolbenschmidt-Pierburg kündigte kürzlich an, seine Position in dem schwierigen nordamerikanischen Markt auszubauen. Angesichts höherer Kraftstoffkosten und einer radikal veränderten Nachfrage ergeben sich plötzlich große Chancen in der Entwicklung von kleineren Motoren und benzinsparenden Techniken, also Technologien, auf die Europäer spezialisiert sind. Auch Audi will trotz der Krise massiv in sein US-Geschäft investieren und mehrere Hundert Millionen Euro in das Marketing stecken.

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