Chinesische Textilunternehmen
Die unheimliche Toskana-Fraktion

Zunächst mischten Chinesen mit Billigmode die italienische Textil-Hochburg Prato auf. Jetzt lassen sie mit Qualitätsware die etablierten Unternehmer zittern. „Pronto Moda“ heißt diese Erfindung: italienische Mode zu chinesischen Preisen und das Ganze auch noch schnell lieferbar.

PRATO. Stolz zeigt Signore Giulini die nächste Winterkollektion: braune Daunenjacken mit Fellkragen, weiche Lederblousons, taillierte Wollmäntel in gedeckten Farben hängen in seinem Showroom im Herzen von Prato, der Textil-Hochburg in der Toskana. Giulinis Hände streichen den Stoff glatt, zupfen hier einen Kragen zurecht und entfernen dort einen unsichtbaren Fussel. „Made in Italy“ steht auf den Etiketten.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere besteht daraus, dass Signore Giulini gar nicht so heißt. Xu Qiu Lin steht im Ausweis des 40-jährigen Unternehmers mit dem schwarzen Bürstenhaarschnitt. Aber das können die Italiener nicht so gut aussprechen, daher nennt sich der Chinese Giulini. Und auch wenn er Leder- und Daunenjacken „made in Italy“ anbietet, heißt das nicht, dass sie alle komplett in Italien hergestellt wurden. Ein Teil der Ware kommt aus China.

Xu Qiu Lin steht an der Spitze einer neuen Unternehmerriege, die Italiens Textilindustrie kräftig aufmischt: Denn der Chinese überschwemmt den Modemarkt nicht mit Billigware, wie es viele seiner Landsleute tun, sondern schneidert hochwertige Jacken und Mäntel – kurzum Mode, zu der „made in Italy“, das Synonym für guten Stil und hohe Qualität, passt.

Italiens etablierte Textilindustrie fürchtet bereits den nächsten Schritt der Chinesen – ihren Einstieg in das Luxussegment, in die erste Liga der Modedesigner, die bei der Mailänder Modewoche ab dem kommenden Wochenende ihre neuesten Ideen vorstellen.

„Die chinesischen Hersteller in Italien gehen immer stärker in den hochwertigeren Bereich“, sagt Wirtschaftsprofessor Carlo Filippini von der Mailänder Bocconi-Universität. „Da müssen die Italiener aufpassen, dass sie sich nicht zu sehr auf dem eigenen Erfolg ausruhen.“

Der Aufstieg von Italiens Chinesen begann in den 90er-Jahren. Zunächst sind sie als Arbeiter nach Prato gekommen – in die toskanische Industriestadt, wo Anfang des 20. Jahrhunderts Italiener an den Webstühlen saßen, sich für Gewerkschaften sowie mehr Arbeiterrechte einsetzten.

Die Chinesen fertigten – meist in Heimarbeit – Stoffe für italienische Subunternehmer, die wiederum die Großen der Modebranche wie Gucci und Versace belieferten. Nach und nach haben sich einige Chinesen selbstständig gemacht. Vor allem nach der Krise der italienischen Textilindustrie konnten sie günstig Maschinen erwerben oder Färbereien und Nähereien – häufig kleine Familienbetriebe – komplett übernehmen.

Sie produzieren jetzt ihre eigene Mode – in riesigen Hallen in der Nähe der Autobahn entstehen innerhalb kürzester Zeit billige Kopien der Kleider, die wenige Tage zuvor auf den Laufstegen in Mailand, Paris und London zu sehen waren.

Seite 1:

Die unheimliche Toskana-Fraktion

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%