Das Auto löst den Drahtesel als Transportmittel zunehmend ab
Chinas Fahrrad-Industrie kommt unter die Räder

Chinas Fahrrad-Industrie sieht schweren Zeiten entgegen. Der Autoboom im Reich der Mitte verdrängt zunehmend das Fahrrad als wichtigstes Transportmittel auf Chinas Straßen. Um 87 % wuchs in China die PKW-Produktion von Januar bis September, und mit jedem Auto, das auf Chinas Straßen rollt, wird der Platz für die einstmals dominierenden Fahrräder enger.

PEKING. Seit den 70er Jahren beherrschten endlose Fahrrad-Schlangen das Straßenbild chinesischer Metropolen. Doch jetzt fordert die Blechlawine ihren Platz, die autobahnähnlichen Radwege verschwinden immer mehr. In einigen Städten werden sogar die eigenen Spuren für die landesweit noch immer über 400 Mill. Drahtesel geopfert. In Boomzentren wie der südchinesischen Stadt Guangzhou, wo der japanische Autokonzern Honda produziert, werden nach Angaben des Magazins „China International Business“ nur noch 20 % aller Fahrten mit dem Fahrrad erledigt. Mitte der 90er Jahre waren das noch über 33 %. Im zentralchinesischen Chengdu dagegen, wo die Autoindustrie noch keine Fabriken hochgezogen hat, bestreiten Zweiräder seit fünf Jahren unverändert 42 % aller Transporte.

Chinas Zweirad-Industrie steht enorm unter Druck. Bei flüchtiger Betrachtung wirkt ihr Zustand äußerst verwirrend. Denn während der lokale Absatz in China seit dem absoluten Produktionshoch im Jahr 1988 dramatisch einbricht – von damals 41 Mill. auf heute 20 Mill. pro Jahr – nehmen die Verkäufe insgesamt stetig zu: Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 16 %. Ein Widerspruch? Nein, denn was in China nicht verkauft werden kann, laden die rund 380 Exporteure zunehmend in Europa, den USA und Japan ab. Dort haben die bedrängten Hersteller in den vergangenen fünf Jahren ein Drittel ihrer Marktanteile eingebüßt. Aus China stammen mittlerweile vier von zehn Fahrrädern auf dem Globus. Das Reich der Mitte hat bei Zweirädern aktuell einen weltweiten Verkaufsanteil von 60 - 65 %.

Die rund 500 Fahrrad-Hersteller in China setzten von Januar bis September etwa 750 Mill. Dollar um – und dennoch verloren sie Geld. Grund dafür sind die rapide fallenden Preise. Chinas Marktführer, die Shenzhen China Bicycle Company – seit zehn Jahren an der Börse von Shenzhen gelistet und früher einmal der weltweit größte Exporteur von Fahrrädern – meldete schon 2001 den größten Verlust den in diesem Jahr eine chinesische Publikumsfirma erwirtschaftete – 200 Mill. Euro. Eine Renaissance erlebten die chinesischen Hersteller nur für wenige Wochen, als von April bis Juni die SARS-Epidemie China eisern im Griff hielt, viele Chinesen sich nicht mehr in die öffentlichen Busse trauten und stattdessen Fahrräder kauften.

Doch Chinas Hersteller haben es versäumt, rechtzeitig Marken aufzubauen. Die meisten sind bis heute Auftragsfertiger für westliche Fahrrad-Firmen. Das könnte sich jetzt mit Hilfe taiwanesischer Hersteller ändern. Über 80 Fahrrad-Produzenten aus Taiwan, darunter Giant, haben zumindest Teile der Produktion auf das chinesische Festland verlegt. In Shenzhen – einer der drei Fahrrad-Hochburgen in Chinas Zweirad-Industrie neben Tianjin und Peking – finanzieren sie 90 % der Produktion in der führenden Gewerbezone. Shenzhen hat Anfang des Jahres mit dem Bau des 60 Mill. Dollar teuren Longhua Bicycle Manufacturing Center begonnen, einem der größten der Welt.

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