Die Geschichte eines Niedergangs
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Agfa, eine der berühmtesten deutschen Marken des 20. Jahrhunderts und eine Brutstätte der Ingenieurskunst, ist nach 138 Jahren am Ende. Ein Handelsblatt-Report über einen Absturz, hinter dem viele Beobachter böse Absicht vermuten.

KÖLN. Empört springt die rothaarige Frau im überfüllten Saal 220 des Kölner Amtsgerichts auf. „Hartmut Emans hat vor Jahren schon eine Blutspur in Ostdeutschland hinterlassen“, ruft sie in breitem Sächsisch, „weshalb hat man ihm die Gelegenheit gegeben, nun bei Agfa Photo noch einmal zuzuschlagen?“ Ihre fast 200 Kollegen auf der Gläubigerversammlung applaudieren. Ändern jedoch wird der Applaus wohl nichts mehr. Agfa Photo, eine der berühmtesten deutschen Marken des 20. Jahrhunderts und eine Brutstätte der Ingenieurskunst, ist nach 138 Jahren am Ende.

Was die beiden Chemiker Paul Mendelssohn-Bartholdy und Carl Alexander von Martius 1867 in Rummelsburg bei Berlin begannen, wird Hartmut Emans nun wohl beerdigen. Am Dienstag lehnte die Gläubigerversammlung das Angebot des britischen Fotoautomaten-Herstellers Photo Me ab, dem letzten Kaufinteressenten – Photo Me wollte keine Arbeitsplatzgarantie abgeben.

Die Mitarbeiter von Agfa Photo fragen sich frustriert, ob das nicht von vorneherein Emans’ Plan war oder ob der Konkurs hätte verhindert werden können. Im November 2004 gab der Mutterkonzern Agfa-Gevaert freudig den Management-Buyout der geschwächten Tochter Agfa Photo bekannt. Investor war die Beteiligungsgesellschaft Nanno um Emans.

Dass der ehemalige McKinsey-Berater nach der deutschen Vereinigung mehrfach Schiffbruch erlitt mit Treuhand-Firmen, sorgte nicht mal die Belegschaft – die Erleichterung war einfach zu groß. „Selbst mein Rechtsanwalt war begeistert, dass Agfa-Gevaert der Firma noch 300 Millionen Euro Eigenkapital und 72 Millionen Euro Liquidität mitgab“, erinnert sich ein Führungsmitarbeiter. Sieben Monate später folgt der Schock. Im Mai stellt Agfa Photo Insolvenzantrag – der angebliche Reichtum war verschwunden.

Zwar erwies sich das Eigenkapital in Form von Vorräten und Anlagen nahezu als wertlos: Es ist veraltet. Was aber mit der versprochenen Liquidität geschah, bleibt ein Rätsel. Ein großer Teil der mit der Dresdner Bank vereinbarten Kredite, für die Agfa-Gevaert geradestehen wollte, wurden von Agfa Photo vor der Inanspruchnahme gekündigt. Wer den Stopp veranlasst hat, will heute niemand mehr wissen. Fest steht nur: Weil Investor Emans keinen Ersatz fand für die Kreditgeber, geriet der Fotokonzern rasch in Zahlungsschwierigkeiten.

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