Direkter Kontakt effektiver als Umweg über Verbände
Rotweinrunde beim Kanzler

Bordeaux und Cohiba-Zigarren, das riecht geradezu nach Männergesprächen am offenen Kamin, nach Konsens in kleiner Runde. Doch des Kanzlers viel zitierte „Industrie-Gipfel“ mit den Spitzen der deutschen Konzerne verliefen keineswegs so harmonisch, wie Rotwein und Rauchwaren suggerieren. Auch die Bilanz der Schröderschen Regierungstaktik mit runden Tischen und Gipfeltreffen ist keineswegs eindeutig positiv.

HB DÜSSELDORF. Werner Marnette, Chef der Hamburger Kupferhütte und bis vor wenigen Tagen auch Sprecher des energiepolitischen Arbeitskreises des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI), kann einiges erzählen. Im September vor zwei Jahren wäre einer dieser Gipfel beim Kanzler beinahe geplatzt, weil Marnette – mit schweigender Rückendeckung der anderen Teilnehmer – die Umweltpolitik der Bundesregierung scharf kritisierte und damit den ebenfalls anwesenden grünen Minister Jürgen Trittin brüskierte.

Doch SPD-Mann Gerhard Schröder verpasste dem Energiemanager gleich zum Auftakt des Treffens die sprichwörtliche Zigarre. An diesem Abend sollte der seit Wochen hart attackierte Koalitionspartner Trittin den Industrie-Gipfel ohne Gesichtsverlust überstehen. Das hatte der Kanzler so beschlossen. Marnette verließ zeitig die Runde. Trittin dagegen durfte noch im ZDF an diesem Abend den Durchbruch beim äußerst kniffeligen Thema Klimaschutz verkünden. Der Ärger zwischen Stromkonzernen, energieintensiver Industrie und Trittin war – wie sich später herausstellte – damit lange nicht vom Tisch. Denn die Treffen „in der Acht“, wie Schröders Etage im Kanzleramt genannt wird, folgten ihrer eigenen Logik.

An diesem Donnerstagabend im September trafen sich die Energiemanager nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal mit Schröder. Zeitweise gehörten die Top-Manager aus vielen Branchen im Kanzleramt zu den Stammgästen des Hauses.

Denn Chefsache ist nach Schröder-Verständnis nicht nur die Regulierung des Strommarktes – ein Thema, das angesichts rasant steigender Preise eine ungeahnte Brisanz gewann. Gipfelfähig waren genauso gut der Klimaschutz oder die Windräder. Oder das Thema Gewalt in den Medien. So trommelte der Kanzler nach dem Amoklauf eines Schülers in Erfurt die Führungskräfte der öffentlich-rechtlichen und der privaten Fernsehsender zusammen, um sie bei einem Bordeaux auf Gewaltverzicht im TV einzustimmen.

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