EADS
Ein Krimi und viel Buntes

EADS bleibt in den Fängen der Politik. Der Luft- und Raumfahrtkonzern sorgt durch politische Einflussnahme und deutsch-französische Eifersüchteleien für Negativschlagzeilen.

FRANKFURT. Ein bisschen Watergate gefällig? Krimi-Interessierte werden in Frankreich außergewöhnlich gut bedient: In Zeitungen finden sich immer neue Enthüllungen über die „Clearstream-Affäre“, die sich zu einer handfesten Regierungskrise auswächst. Auch sonst ist viel Aufsehenerregendes dabei: Ein Interview des höchst einflussreichen und ebenso umstrittenen Luftfahrt-Managers Noël Forgeard etwa, der am Tag vor einer wichtigen Pressekonferenz den deutschen Airbus-Vorstandschef Gustav Humbert brüskiert. Oder eine beschlossene Werksschließung bei Bordeaux, die auf massiven Druck der französischen Regierung wieder zurückgenommen wird.

Im Zentrum all dieser bunten Geschichten steht ein börsennotierter Konzern, von dem die hohe Politik auch im sechsten Jahr nach seiner Gründung nicht die Finger lassen kann: Die European Aeronautic Defence and Space Company, kurz EADS. Das Aufsichtsgremium des französisch-deutsch geführten Unternehmens teilte gestern mit, man habe die Situation der hoch defizitären Wartungs-Tochter Sogerma noch einmal untersucht. Dabei habe EADS „die Bereitschaft der französischen Regierung, die Luftfahrtindustrie mit entsprechenden Mitteln zu unterstützen“, berücksichtigt.

Ergebnis des Reviews: Der Sogerma-Standort Bordeaux-Merignac wird nicht, wie ursprünglich geplant, komplett geschlossen. Forgeard, gemeinsam mit dem Deutschen Tom Enders Co-Vorstandschef von EADS, hatte erst vor wenigen Tagen mitgeteilt, bei einem Verlust von zuletzt 238 Mill. Euro sei das Werk nicht mehr zu halten. Zwar hat Frankreichs Regierung durch den Entzug eines wichtigen Auftrags aus dem Verteidigungsministerium zu der Misere beigetragen. Dennoch machte sie jetzt all ihren Einfluss geltend: Er könne „eine brutale Ankündigung der Schließung eines solchen Werks, die 1 000 Beschäftigte betrifft, ohne vorherige Abstimmung und ohne Wirkungsstudie nicht akzeptieren“, sagte etwa Arbeitsminister Jean-Louis Borloo. Auch Premierminister Dominique de Villepin stemmte sich gegen den Jobabbau. Also sah sich EADS nun zu einem Rückzieher gezwungen: Als neues Ziel wurde gestern ausgegeben, einen Kern von etwa 300 Arbeitsplätzen am Standort Merignac zu halten.

Darüber hinaus bestätigte das Management, dass allen Sogerma-Beschäftigten der Transfer an einen anderen EADS-Arbeitsplatz in Frankreich ermöglicht werden soll – etwa zu Airbus oder der Hubschrauber-Tochter Eurocopter. Der französische Staat ist noch mit 15 Prozent an EADS beteiligt und hält über die staatliche Caisse des Depots weitere 2,25 Prozent der Anteile.

Auf der einen Seite gefeiert für die technologischen Errungenschaften seiner Flugzeugbau-Tochter Airbus, sorgt der Konzern immer wieder durch politische Einflussnahme und deutsch-französische Eifersüchteleien für Negativschlagzeilen.

Politisch ist EADS vor allem durch die „Clearstream“-Affäre um angebliche Schwarzgeldkonten in schweres Fahrwasser geraten. Dabei wurden der Justiz im Frühjahr 2004 gefälschte Kontenlisten des Börsenabwicklers Clearstream zugespielt, auf denen Namen von Industriemanagern und Politikern wie Dominique Strauss-Kahn und Nicolas Sarkozy auftauchten. Die falschen Listen sollten belegen, dass die Betroffenen Schmiergeldkonten besäßen. De Villepin wird verdächtigt, dass er die Affäre ausnutzen wollte, um seinem Rivalen Sarkozy zu schaden.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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