EADS
Zurück von Wolke Sieben

Der Air-Force-Deal sollte EADS die Tür zum weltgrößten Militärmarkt weit aufstoßen und eine Basis für eine verstärkte Airbus-Fertigung im Dollar-Raum schaffen. Noch ist nichts verloren, und offiziell verbreitet EADS wie die Bundesregierung weiter Optimismus. Doch der Schlag sitzt tief.

MÜNCHEN. EADS-Chef Louis Gallois wich das Blut aus dem Gesicht, als er vom Einspruch gegen den Jahrhundertauftrag des Pentagons für 179 Tankflugzeuge erfuhr. Nach der Gruppenklage wegen Insidervergehens an der Börse ist die Mahnung des US-Rechnungshofs GAO der zweite Nackenschlag aus den USA für den europäischen Flugzeugbau- und Rüstungskonzern binnen weniger Tage.

Boeing, der eigentlich unterlegene Rivale, frohlockt dagegen. „Wir schätzen die Professionalität und Gewissenhaftigkeit der GAO im Rahmen der Überprüfung des Vergabeprozesses“, sagte Boeing-Manager Mark McGraw gestern in Chicago. Boeing hatte Beschwerde gegen die Entscheidung eingelegt und massiven politischen Druck aufgebaut. Das Argument: Die US-Luftwaffe hätte die Wirtschaftlichkeit des Boeing-Angebots falsch bewertet. Jetzt ist der EADS-Rivale wieder im Spiel.

Noch Ende Februar sah die Welt ganz anders aus: Überraschend hatte sich die US-Luftwaffe nach einem jahrelangen Bieterkampf für das Angebot der EADS und Northrop Grumman entschieden. Boeing, seit Jahrezehnten Haus- und Hoflieferant der US-Air-Force, hatte den Auftrag 2003 nach einem Bestechungsskandal verloren und sollte bei der zweiten Ausschreibung komplett leer ausgehen. Die US-Militärs zogen die umgerüstete Version des Airbus A330 Boeings 767 vor. Der Airbus kann weiter fliegen, mehr laden und ist wartungsfreundlicher, befand die Air Force: Das hätte den höheren Kaufpreis langfristig aufgewogen. Mit diesen Eigenschaften hatte sich der Tanker-Airbus bereits in Großbritannien, Saudi-Arabien und Australien gegenüber dem US-Rivalen durchgesetzt.

Doch was im Rest der Welt vergeben wird, steht in keinem Verhältnis zum US-Auftrag. Rund 40 Mrd. Dollar ist alleine die erste Tranche über 179 Flugzeuge wert. Insgesamt wollen die Amerikaner in den kommenden Jahrzehnten ihre gesamte Tankerflotte austauschen: Das sind mehr als 500 Maschinen. „Der potenziell größte Rüstungsauftrag der Geschichte“, frohlockte Sam Adcock, EADS-Cheflobbyist in Washington. Die Europäer wähnten sich auf Wolke sieben.

Seit Jahren unterhält die EADS ein Lobbyistenbüro in den USA, um endlich ein Stück von dem riesigen Beschaffungsetat der US-Militärs zu bekommen. Der britischen BAE-Systems ist der US-Markt so wichtig, dass der Konzern seinen Airbus-Anteil an die EADS verkaufte, um sich voll auf das US-Rüstungsgeschäft zu konzentrieren. Auch die EADS feierte Erfolge. Im Juli 2006 erhielt sie den Auftrag für den Bau von 322 Mehrzweckhubschraubern für die US-Army für drei Milliarden Dollar. Die Konzerntochter Eurocopter baute ihre Fertigung im US-Bundesstaat Mississippi massiv aus.

Für den Bau der Tanker haben die Europäer noch größere Pläne: Im Süden von Alabama an der Golfküste sollte gemeinsam mit Northrop Grumman ein riesiges Flugzeugwerk samt Zulieferkomplex entstehen. Nach Toulouse und Hamburg würden die EADS und Airbus ein drittes starkes Standbein in den USA erhalten – finanziert aus Mitteln des US-Verteidigungsministeriums und vor der Haustür des großen Rivalen Boeing. In einem zweiten Schritt will die Flugzeugtochter Airbus in Alabama auch die Zivilvariante der A330 montieren. Ohne den Großauftrag der Militärs liegen die Pläne in Alabama jedoch auf Eis. Für die EADS wäre der Tankerauftrag deshalb in mehrfacher Hinsicht ein Durchbruch gewesen. Denn mit der von Gallois formulierten Langfriststrategie „Vision 2020“ wollten die Europäer zwei strategische Schwächen überwinden: die Dominanz des zivilen Flugzeuggeschäfts und die Abhängigkeit vom US-Dollar. „Beide Probleme hätte die EADS mit dem Tankerauftrag teilweise lösen können“, urteilt Ulrich Horstmann von der BayernLB. „Ohne den Tankerauftrag ist die Vision 2020 praktisch nicht zu erreichen“, sagt Horstmann. Ginge der Auftrag an Boeing, so blieben die Amerikaner gegenüber EADS also weiter strategisch im Vorteil.

Die Air Force versprach am Mittwochabend nach der Bekanntgabe der US-Rechnungshof-Empfehlung zweideutig, den „wertvollsten Tanker“ zu bestellen und dabei die Steuerzahler möglichst zu schonen. Jetzt kocht die Gerüchteküche. Es wird sogar spekuliert, dass Boeing und Northrop Grumman sich nun zusammentun und die Europäer ausbooten könnten. Oder auch: Das Pentagon könne den Riesenauftrag für am Ende 540 Flugzeuge unter Boeing und EADS/Northrop Grumman aufteilen. In Analystenkreisen wird erwartet, dass der Auftrag neu ausgeschrieben wird – mit offenem Ausgang, aber mit politischen Vorteilen für Boeing.

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