Ekkehard Schulz
„Einer musste die Verantwortung übernehmen“

Der frühere Chef von Thyssen-Krupp, Ekkehard Schulz, sagt zu den zentralen Fehlern beim Bau des Stahlwerks in Brasilien: „Ich mache mir deshalb Vorwürfe.“ Den Aufsichtsrat habe er aber rechtzeitig informiert.
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Handelsblatt: Herr Schulz, als Thyssen-Krupp vor wenigen Wochen angekündigt hat, fast zwei Milliarden auf das Stahlwerk in Brasilien abschreiben zu müssen, sind Sie als Aufsichtsrat wie auch als Mitglied des Kuratoriums der Krupp-Stiftung zurückgetreten. Was ist schiefgelaufen?

Ekkehard Schulz: Das Stahlwerk ist teurer geworden als geplant. Statt 3,5 Milliarden Euro kostet es nun 5,2 Milliarden Euro – dafür habe ich die Verantwortung übernommen.

Moment mal! Die Zahlen sind doch ganz anders, heißt es in Kreisen des Konzerns. Das Werk sollte ursprünglich nur 1,3 Milliarden Euro kosten.

Das ist Unsinn. Die früheren Stahlvorstände Ulrich Middelmann und Karl-Ulrich Köhler haben diese Zahl einmal genannt – als mögliche Größenordnung einer Investition. Das war in einem Gespräch auf der Stahltagung in Istanbul im Herbst 2004. Da war nicht einmal klar, ob Thyssen-Krupp ein Werk in Brasilien, Australien oder Russland baut. Die Zahl war weder im Vorstand der Thyssen-Krupp AG noch im Aufsichtsrat bekannt oder diskutiert. In den folgenden Monaten konkretisierte sich der Standort in Brasilien. Als der Aufsichtsrat das Projekt im August 2006 genehmigt hatte, waren 2,4 Milliarden Euro veranschlagt – allerdings ohne Hafen, Kokerei und Kraftwerk.

Diese Komponenten wollten Sie an Partner vergeben, was allerdings nicht geglückt ist.

Wir haben gesagt, dass wir versuchen werden, Partner und Investoren dafür zu finden. Das ist nicht gelungen, beziehungsweise es war nicht wirtschaftlich. Als wir die Anlagen dann in die Kalkulation aufgenommen haben, betrug die Investitionssumme 3,2 Milliarden Euro und wurde vom Aufsichtsrat im November 2006 genehmigt. Hinzu kommen Währungsveränderungen, wodurch die Kosten der ursprünglichen Planung eigentlich mit mindestens 3,5 Milliarden Euro berechnet werden müssen. Wer eine andere Zahl nennt, vergleicht Äpfel mit Birnen.

Womit aber noch immer eine Lücke von 1,7 Milliarden Euro in der Rechnung klafft.

Das stimmt, und es ist sehr ärgerlich. Die Mehrkosten entstanden vor allem durch Konstruktionsfehler bei der Kokerei, wir mussten das Gelände mit mehr Pfählen abstützen, und dann mussten wir eine neue Baufirma für den Hochofenbereich suchen, da die erste pleiteging. Jeder dieser externen Faktoren kostete uns einen dreistelligen Millionenbetrag.

Das klingt gerade so, als ob die Teuerungen unvermeidlich gewesen wären. Innerhalb des Konzerns aber wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie die chinesische Firma Citic mit dem Bau der Kokerei beauftragten, weil die ein paar Millionen billiger war. Und diese Firma hat Murks gebaut. Die Anlage muss praktisch komplett neu gebaut werden.

Citic war einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag günstiger, aber der Preis war nicht alleine ausschlaggebend. Für die Vergabe an Citic gab es zwei weitere wichtige Gründe. Unsere Konzerntochter Uhde, die sich ebenfalls um den Auftrag beworben hatte, wollte zusammen mit Ferrostaal bauen, hatte aber nicht die Patente für diese neue Technologie, die im Übrigen auch von Uhde zum ersten Mal gebaut worden wäre. Da hätte eine Patentklage einer US-Firma gedroht, die eng mit Ferrostaal zusammengearbeitet hat. Im Übrigen war Uhde zum damaligen Zeitpunkt ausgebucht. Mit dem Wissen von heute wäre Uhde aber die richtige Entscheidung gewesen.

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