Energiekonzern
Stockholm setzt Vattenfall unter Druck

Die bürgerliche schwedische Regierung will den staatlichen Energiekonzern Vattenfall stärker an die Kandarre nehmen: Der Versorger soll weniger in Kohle und mehr in grüne Energien investieren - auch in Deutschland.

STOCKHOLM. Wirtschaftsministerin Maud Olofsson erklärte in Stockholm, dass Vattenfall mehr in erneuerbare Energien investieren müsse. "Wir werden die Richtlinien für den Konzern verschärfen, da die jetzigen nicht gut funktionieren", kündigte sie an. Die neuen Direktiven des staatlichen Eigners sollen Vattenfall zwingen, die Umstellung von fossilen Energieträgern wie Kohle auf alternative Energien zu forcieren.

Von der neuen Eignerdirektive wäre Deutschland besonders stark betroffen. Hier, wie auch in Dänemark, Polen und den Niederlanden, betreibt Vattenfall zahlreiche Kohlekraftwerke. Das sei aber im Hinblick auf den Klimaschutz nicht mehr vertretbar, so die Wirtschaftsministerin. Allein in Deutschland unterhält der Konzern fünf Kohlekraftwerke. In Hamburg-Moorburg will Vattenfall zudem ein neues Steinkohlekraftwerk bauen. Ein Vattenfall-Sprecher in Stockholm erklärte, man wolle bis 2050 eine klimaneutrale Stromerzeugung erreichen. Allerdings sei beispielsweise der Energiebedarf in Deutschland so hoch, dass eine CO2-freie Stromerzeugung nicht von heute auf morgen erreichbar sei. "Wenn wir aber neue Direktiven vom Staat erhalten, werden wir sie ausführen", sagte der Sprecher.

Olofsson nannte keinen Zeitplan für die neue Eignerdirektive. Doch angesichts der bevorstehenden EU-Ratspräsidentschaft Schwedens vom 1. Juli an und der Ambition des Landes, den Klimaschutz wieder stärker in Vordergrund zu stellen, ist ein Vorstoß im zweiten Halbjahr denkbar.

Vattenfall, der viertgrößte Stromerzeuger Europas, versucht in letzter Zeit, sich als umweltfreundliches Unternehmen zu präsentieren. Die Imagekampagne des Konzern steht allerdings im Widerspruch zu den tatsächlichen Investitionen in erneuerbare Energien: Wie die Zeitung "Dagens Nyheter" ermittelte, sind die Mittel für CO2-freie Energieträger in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Stellte Vattenfall 2007 noch 35,2 Prozent seiner Investitionen für erneuerbare Energien bereit, waren es ein Jahr später nur noch 29,4 Prozent. Für die Jahre 2009 bis 2013 werden es nach Berechnungen der Zeitung nur noch 28 Prozent sein.

Im eigenen Land betreibt Vattenfall neben Atomkraftewerken vor allem Wasser- und Windkraftwerke. Schweden bezieht etwa die Hälfte seines Stroms aus der Atomkraft. Die andere Hälfte verteilt sich zu rund 40 Prozent auf Wasserkraft und zwei Prozent Windkraft. Kritik gab es in Schweden an den Sicherheitsstandards in den Atomkraftwerken des Konzerns. Mehrfach kam es zu ernsten Zwischenfällen in Schweden. Auch in Deutschland gab es in den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel Zwischenfälle, die zu einer Stilllegung geführt haben. Proteste gab es auch wegen des Braunkohleabbaus in Ostdeutschland.

Auch Umweltminister Andreas Carlgren kritisiert Vattenfall. Dass die Regierung den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen anstrebe müsse in der Unternehmenspolitik zum Ausdruck kommen. Aktuelle Klimastudien stützen Schwedens Position. Die Eisbedeckung im Nordpolarmeer werde im Spätsommer mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 28 Prozent sogar noch unter der Rekordmarke von 2007 liegen, berechnete das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Bis 2050 könnten rund 200 Millionen Menschen wegen des Klimawandels ihre Existenzgrundlagen verlieren, berichteten Uno - Organisationen auf der Klimakonferenz in Bonn.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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