Energiepolitik
China setzt auf Kernkraft

Peking leistet sich das größte Atomprogramm der Welt. Etwa 50 neue Atommeiler sollen einmal die riesige Bevölkerung mit Strom versorgen, ohne die Umweltbilanz zu ruinieren. Kraftwerksbauer wie die französische Areva verdienen kräftig mit.
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PEKING. Der französische Kernkraftwerksbauer Areva ist hat in China wieder neue Aufträge an Land gezogen. Die südchinesische China Guangdong Nuclear Power Corp (CGNPC) beziehe in den kommenden zehn Jahren 20 000 Tonnen Uran im Wert von 2,5 Mrd. Euro von Areva, teilte das Unternehmen am Freitag mit. Anlass des Vertragsabschlusses ist der Besuch des chinesischen Präsidenten Hu Jintao in Paris. Mit der chinesischen Atomagentur gründet Areva zudem ein Gemeinschaftunternehmen für die Herstellung von Zirkonröhren zum Einsatz in Brennelementen. Ende 2012 soll die Produktion in Schanghai beginnen.

Kraftwerkbauer weltweit profitieren derzeit vom schnellen Ausbau des chinesischen Energienetzes. Das Reich der Mitte leistet sich das größte Nuklearprogramm der Welt. Etwa 50 neue Atommeiler sollen einmal die riesige Bevölkerung mit Strom versorgen, ohne die Umweltbilanz zu ruinieren. "Die Wirtschaft wächst sehr schnell und die Kohlendioxid-Emission steigen ebenfalls an. Unser Land steht unter großem Handlungsdruck", sagt Tang Bo, Chefingenieur des Zentrums für Reaktorsicherheit der Staatlichen Energiekommission. Indem die einheimischen Anbieter lernen, die modernsten verfügbaren Reaktortypen zu bauen, will das Reich der Mitte zudem von westlicher Technik unabhängig werden - um später selbst im weltweiten Nukleargeschäft mitmischen zu können.

Der derzeit offiziell geltende Plan sieht vor, die Kapazität der chinesischen Kernkraftwerke bis 2020 von derzeit neun auf mindestens 40 Gigawatt ausbauen. Doch da die Projekte viel schneller vorankommen als erhofft, setzt Peking nun offenbar noch viel ehrgeizigere Ziele. Neue Pläne sehen einen Ausbau auf 70 Gigawatt in den kommenden zehn Jahren vor, wie Zhang Guobao, Chef der Energiebehörde, einem japanischen Beamten anvertraut hat. Das ist gut dreimal mehr Kapazität, als heute in Deutschland installiert ist.

Einer der wichtigsten Märkte

Areva konnte sich bereits - nicht zuletzt dank geschickter französischer Industriepolitik - einen guten Anteil an dem Kuchen sichern. "China ist inzwischen einer der wichtigsten Märkte für Areva", sagt Eric Neisse, der im Vorstand von Areva China für das Nukleargeschäft zuständig ist. "Die Liste der neuen Vorhaben ist schwer beeindruckend." Areva riskiert dabei zwar die Preisgabe seines technischen Wissens, doch das ist die Teilhabe an dem Riesenmarkt wert. "Die nukleare Renaissance bedeutet ein riesiges Geschäft. Da ist Platz für alle", glaubt Neisse.

Arevas derzeitiges Vorzeigeprojekt ist das Kernkraftwerk Taishan an der Küste des südchinesischen Meeres westlich von Macau. Dort wachsen derzeit zwei Stahlzylinder empor: Die Sicherheitsbehälter der ersten beiden Blöcke des Projekts. Areva setzt hier nach eigenen Angaben den lukrativsten Auftrag in der Geschichte der zivilen Nuklearindustrie um. Das erste der rostbraunen Stahlbauwerke ragt schon haushoch über die planierte Fläche aus lehmigem Sand und Beton hinaus. Das zweite ist gerade erst als Stummel erkennbar.

Den ersten Block stattet Areva mit Teilen und Anlagen aus, die aus Europa importiert sind. Den zweiten bauen chinesische Firmen in Eigenregie identisch hinterher. "Solche Projekte laufen hier nur, wenn sie mit einem Techniktransfer verbunden sind", sagt Neisse. Die europäischen Kernkraftanbieter haben die Chinesen schon seit den 80er-Jahren an ihrem Wissen teilhaben lassen - was ihnen jetzt die Türen für die Folgeprojekte öffnet. Im nächsten Schritt will Areva zusammen mit seinem chinesischen Partner China Guangdong Nuclear Power Company auch außerhalb des Landes gemeinsam auftreten. Neisse kann noch nicht sagen, welche Märkte für so eine Kooperation in Frage kommen.

China selbst bietet für Nuklearpläne besonders gute Bedingungen. Die Bevölkerung ist generell sehr offen gegenüber neuer Technik und hegt auch nur geringe Vorbehalte gegen Atomkraft. "In China wird hauptsächlich darüber diskutiert, auf welche Weise wir die Kernenergie entwickeln sollen. Dass wir sie überhaupt entwickeln werden, ist schon lange keine Frage mehr", sagt Nuklearexperte Tang. Anders als in Deutschland betreffe die Diskussion eher die Kontrolle der Risiken als ihre völlige Beseitigung. "Null Risiko schafft man nie", und das akzeptiere China.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

Kommentare zu " Energiepolitik: China setzt auf Kernkraft"

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  • @Europäer[1]
    interessanterweise hat Siemens heute vermeldet, dass die umweltfreundlichen Technologien (Windkraftanlagen, sonstige Energietechnik) schon 1/3 zum Gesamtumsatzes beiträgt und dieser bereich weiter wachsen wird. Zudem ist Siemens auch bei der HGÜ (Hochspannungs Gleichstrom Übertragung) führend, die auch in China gebraucht wird, um all die Kraftwerke mit den industriezentren zu verbinden, wo der Strom verbraucht wird.
    Zudem braucht auch ein Kernkraftwerk Turbinen, Generatoren, Transformatoren, Meß- und Regeltechnik. Die umweltfreundlichen Technologien wird Deutschland mehr bringen als alle Kerntechnik zusammen, weil der Markt dafür stark begrenzt ist. Außerdem sollen "die anderen" ja auch Geld verdienen, damit sie weiter Produkte "Made in Germany" kaufen können.
    Übrigens ist Deutschland netto gesehen kein Schuldner gegenüber dem Ausland sondern Gläubiger, wenn man alles zusammenrechnen. Den 2 billionen Schulden, stehen auch entsprechende Forderungen gegenüber, von denen ein Großteil in Deutschland bleiben dürfte.
    Schulden sind nichts böses, auch wenn die aktuelle Regierung genau dies behauptet. Wohin extremes Sparen führt, kann man momentan in Griechenland beobachten. Wir haben hier in D kein Schuldenproblem, sondern eine Schieflage unserer Handelsbilanz. Wenn aus irgendeinem Grund die Nachfrage aus dem Ausland einbricht, haben wir wieder eine Krise in Deutschland, weil der binnenkonsum im Vergleich zu klein ist.
    Aber das interessiert ja momentan niemanden mehr - es läuft ja wieder alles wie geschmiert...

  • Über 60% der hier verbauten Solarzellen sollen mittlerweile aus China kommen.
    Das DDR-Gans-Prinzip schlägt mal wieder zu.
    Merkel, Siggi Pop, Westerwelle und Claudia Roth weisen den Weg. Geballte brainpower am Werk.

  • @Taubenschiss:
    Japan ist international, also geg. dem Ausland (zusammen mit Deutschland und China) eines der bedeutendsten Gläubigerländer. Der japanische Staat ist (genauso wie Deutschland) geg. der eigenen bevölkerung allerdings hoch verschuldet.

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