Expansion
Gazprom greift nach deutschem Energieanbieter

Der russische Gaskonzern will den kleinen Versorger Envacom übernehmen. Damit würde das Unternehmen erstmals ins Geschäft mit deutschen Endkunden einsteigen.
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DüsseldorfEnvacom? Das kleine Unternehmen mit Sitz im hessischen Walluf bei Wiesbaden ist bisher ein sehr kleiner Spieler auf dem Energiemarkt – und nur Insidern ein Begriff. Die Firma hat aber das Interesse eines Branchenriesen geweckt. Schon seit Monaten verhandelt Gazprom über eine Übernahme und steht offenbar kurz vor einem Abschluss. Für die Russen wäre dies ein symbolträchtiger Schritt: Sie würden zum ersten Mal in Deutschland Zugang zum Endkundenmarkt erhalten.

„Es ist korrekt, dass Gazprom Interesse am Erwerb der vollständigen Gesellschaftsanteile der Envacom Service GmbH hat“, sagte ein Sprecher des Übernahmeziels. „Es werden seit Monaten konkrete Gespräche über eine Übernahme geführt.“ Zu Details wollte er sich aber nicht äußern, da Stillschweigen vereinbart wurde. Gazprom äußerte sich auf Anfrage nicht. Der russische Gaskonzern hat aber schon beim Bundeskartellamt die Freigabe der Übernahme „wesentlicher Vermögensteile“ beantragt und erhalten, wie die Behörde auf ihrer Internetseite mitteilt.

Aber was will das Schwergewicht mit der kleinen Firma aus Deutschland? Envacom ist einer der zahlreichen neuen, unabhängigen Anbieter auf dem deutschen Energiemarkt, die im Internet versuchen, den großen Konzernen und Stadtwerken Kunden abzujagen. Envacom hat zwar inzwischen 500 000 Kunden, davon aber nur ein Viertel im Strom- und Gasvertrieb. Den Rest hat das 1999 gegründete Unternehmen mit Mobilfunk- oder Internetverträgen gewonnen. Im Energiemarkt ist es erst seit 2008 aktiv.

An der Mobilfunk- und Internetsparte kann Gazprom kein Interesse haben. Und auch mit der Energiesparte von Envacom, die in diesem Jahr rund 75 Millionen Euro umsetzen wird, betritt der weltgrößte Gaskonzern Neuland. 
Bislang arbeitet die deutsche Tochter, Gazprom Germania, nur mit Großkunden, Stadtwerken und Industrieunternehmen zusammen, denen sie Gaslieferungen vermittelt. Direkt mit Haushaltskunden sind die Russen bislang nicht im Geschäft. Allerdings haben sie daran bereits seit Jahren Interesse. Unter anderem hatte sich das Gazprom-Management im Jahr 2009 den damals erfolgreichsten konzernunabhängigen Billigstromanbieter Teldafax angeschaut. Dem Handelsblatt liegen entsprechende Vorverträge vor. Der Kauf scheiterte aber an unterschiedlichen Preisvorstellungen. Teldafax ist inzwischen pleite.

Der Staatskonzern soll sich nach Wunsch der russischen Regierung stärker in Westeuropa engagieren und sich ein starkes Standbein im Stromsektor aufbauen. Gazprom verhandelt deshalb auch mit RWE über eine Kooperation in der Stromproduktion. Die Gespräche über ein Joint Venture, in das RWE Kraftwerke in mehreren Ländern einbringen soll, sind weit fortgeschritten. Gazprom verhandelt aber auch mit den beiden französischen Energiekonzernen Electricité de France (EdF) und GDF Suez.

Envacom hat da eine ganz andere Größenordnung, bietet aber auch völlig neue Geschäftsfelder: neben dem Internetvertrieb auch den Einstieg in das Geschäft mit erneuerbaren Energien. Nach eigenen Angaben deckt das Unternehmen den gesamten Strombedarf ausschließlich aus erneuerbaren Energien. Dabei investiert es selber in Solar- und Biogasanlagen. In Italien baut es beispielsweise ein Solarkraftwerk mit 47 000 Solarmodulen und investiert dafür immerhin 40 Millionen Euro.

Geführt wird Envacom nach wie vor vom Unternehmensgründer Tillmann Raith.

Kommentare zu " Expansion: Gazprom greift nach deutschem Energieanbieter "

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  • Wäre schön wenn "Envacom" sich erstmal als vertragstreu zeigt gegenüber seinen Kunden zeigt! Zugesagter Neukundenbonus wird nicht ausbezahlt, E-mail-Anfragen werden nicht beantwortet.
    Als Kunde von Envacom warne ich jeden Endverbraucher vor dieser Firma. Vielleicht räumen die Russen ja auf in diesem Laden !

  • Da haben wir den Salat und es dürfte nicht bei den Aufkauf dieses Anbieter bleiben. Wer jetzt noch vollmundig den Ausstieg Vattenfall aus dem Deutschlandgeschäft fordert, wird dann in Sachen CO2-Speicherung sein russisches Wunder erleben.

  • Putins Übernahmepläne:
    Gszprom will in den deutschen Markt einsteigen. Da kann doch sicherlich Gaz-Gerd behilflich sein.
    Dafür wird er doch bezahlt!
    Das ist zwar erst der Einsieg, aber ist der erst einmal geschafft, geht es schnell.
    Dann wird unsere Abhängigkeit von Russland weiter steigen und wir sind erpressbar.

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