General Motors und PSA
Opel wird umgeparkt

PremiumGeneral Motors verhandelt mit dem französischen Autokonzern PSA über einen Verkauf von Opel. Für einige deutsche Werke könnte dies das Aus bedeuten. Politik und Arbeitnehmer bringen sich gegen die Übernahme in Stellung.
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Düsseldorf/Paris/New YorkDer amerikanische Autokonzern General Motors (GM) denkt darüber nach, seine verlustreiche Marke Opel an den französischen Konkurrenten PSA (Peugeot-Citroën) zu verkaufen. Die Konzerne teilten offiziell mit, „Möglichkeiten zur Expansion und Kooperation“ auszuloten.

GM-Chefin Mary Barra drängt im gesamten Konzern auf höhere Gewinnmargen. Doch Opel-Chef Karl-Thomas Neumann konnte auch 2016 nicht liefern. Und blieb trotz der Markteinführung neuer Modelle, die von einer viel beachteten und preisgekrönten Werbekampagne („Umparken“) begleitet wurde, in der Verlustzone. Damit schreiben die Rüsselsheimer seit dem Jahr 2000 ununterbrochen rote Zahlen.

In den vergangenen Jahren hatte Opel bereits die Kooperation bei Einkauf und Entwicklung mit PSA ausgebaut, um die Kosten zu senken. Für die Rückkehr in die Gewinnzone hat all das aber nicht ausgereicht. Eine Übernahme wäre deshalb aus Sicht von Experten nicht überzeugend. „Zwei Kranke, die sich zusammentun, werden noch lange nicht gesund“, sagt Professor Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des CAR-Instituts.

Tatsächlich hat auch PSA eine längere Sanierungsphase hinter sich. Sollte am Ende der Gespräche wirklich eine Übernahme stehen, müssten wohl auch deutsche Werke um die Existenz fürchten. Denn sowohl PSA als auch Opel sind stark auf den europäischen Markt fokussiert und kämpfen bereits mit Überkapazitäten.

Politik und Arbeitnehmervertreter bringen sich bereits gegen die Übernahme in Stellung. Die Gespräche seien ohne Rücksprache mit der hessischen Landesregierung geführt worden, sagte Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries. Für den Gesamtbetriebsrat stellen die geheimen Gespräche eine „beispiellose Verletzung der betrieblichen Mitbestimmungsrechte“ dar.

Peugeot greift nach Opel

Carlos Tavares ist als PSA-Chef dafür bekannt, dass er nur ein Ziel hat: „Mich interessiert die Marge, nicht das Volumen.“ Und so tut der Portugiese gern so, als lasse es ihn kalt, dass der Lokalrivale Renault mehr Autos verkauft als PSA mit den Marken Peugeot, Citroën und DS.

Oder denkt der Hobby-Rennfahrer in Wirklichkeit doch ganz anders? Das zumindest würde seine Verhandlungen mit General Motors (GM) über den Kauf der Europa-Tochter Opel und ihrer britischen Schwestermarke Vauxhall erklären. Mit beiden zusammen kämen die Franzosen auf ein größeres Volumen als der ewige Rivale Renault. Und in gewisser Weise wäre eine Übernahme auch die logische Fortsetzung der laufenden Zusammenarbeit mit der Opel-Mutter GM.

Opels jüngste Produktoffensive basiert nämlich bereits zu großen Teilen auf der Kooperation mit PSA. Der Geländewagen Crossland X, der in wenigen Wochen auf dem Autosalon in Genf seine Premiere feiert, entsteht auf einer Plattform mit dem Peugeot 2008. Der mittelgroße Grandland X teilt sich seine technische Basis mit dem Peugeot 3008. Und auch der Nachfolger des Familienvans Opel Zafira soll nicht mehr in Rüsselsheim, sondern im PSA-Werk in Sochaux vom Band laufen. Beide Partner haben bereits vor Jahren eine Einkaufskooperation geschlossen. Opel-Chef Karl-Thomas Neumann soll zudem den regelmäßigen Austausch mit PSA-Konzernchef Tavares pflegen.

Obwohl noch nichts entschieden ist, fährt die Politik schon jetzt dazwischen. Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries kritisierte am Dienstag die Verhandlungen. Die Gespräche würden ohne Rücksprache mit dem Betriebsrat oder der hessischen Landesregierung geführt, sagte sie in Berlin am Rande der SPD-Fraktionssitzung. Das sei „völlig inakzeptabel“. Auch die Bundesregierung sei nicht informiert worden. General Motors stehe in der Verantwortung, vor allem das Entwicklungszentrum in Deutschland zu lassen.

Mit einer Übernahme von Opel würde PSA den französischen Konkurrenten Renault nicht nur überholen, sondern auch als zweitgrößten Autohersteller Europas ablösen. Dabei ergänzen sich die Märkte der beiden Hersteller gut. Während PSA besonders im südeuropäischen Markt erfolgreich ist, kommt die GM-Tochter in Großbritannien und Deutschland auf hohe Marktanteile. Angesichts des Brexits könnte PSA an den Vauxhall-Werken interessiert sein, denn durch eine lokale Produktion wäre man unabhängiger von Wechselkursschwankungen und eventuellen Zöllen.

Es drohen Überkapazitäten

Allerdings wären bei einer Übernahme von Opel durch PSA beide fokussiert auf Europa. Statt eines kompletten Verkaufs des Europageschäfts von GM an PSA hält Professor und Autoexperte Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management (CAM) der FH Bergisch-Gladbach, daher auch eine wechselseitige Beteiligung und engere Kooperation der Mutterkonzerne für möglich. General Motors könnte für die Franzosen so zum Türöffner für lukrative Märkte wie die USA sein, wo sie bislang nicht präsent sind.

Zudem sind PSA und Opel in vielen Segmenten direkte Konkurrenten. Gerade im SUV-Segment gäbe es dann viele Modelle, die nicht nur technisch, sondern auch preislich in einer Liga spielen. „Um Synergien zu heben, müsste man möglichst viele Modelle auf eine gemeinsame technische Basis stellen“, erklärt Bratzel. Damit sich das auszahlt, bräuchte PSA einen langen Atem.

Die Folgen für die einzelnen Standorte lassen sich bislang nur sehr grob abschätzen. Das Kernproblem von Opel ist die geringe Auslastung der Werke. Zwar schloss GM vor einigen Jahren die Fabrik in Bochum, aber das reichte nicht aus. Die Auslastung liegt mit von Analysten geschätzten rund 65 Prozent niedriger als bei Konkurrenten. Der Branchendurchschnitt liegt bei 70 Prozent. Nach der Finanzkrise war GM kurz davor, Opel an den kanadischen Zulieferer Magna zu verkaufen, verzichtete aber in letzter Sekunde darauf.

„Für die deutschen Werke bedeutet das nichts Gutes“, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center of Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen. Schon heute arbeiten beide Autobauer mit Überkapazitäten. Opel musste in Rüsselsheim und Eisenach zum Jahresende 2016 sogar Kurzarbeit anmelden. Die Modelle müssen im engen europäischen Markt mit deutlichen Rabatten verkauft werden. Diese strategische Zwickmühle würde sich bei einer Übernahme noch verstärken, wenn keine Kapazitäten abgebaut würden. „Kaiserslautern und Eisenach dürften dann schlechte Karten haben“, sagt Dudenhöffer.

Auch das Entwicklungszentrum in Rüsselsheim hält der Autoexperte für verzichtbar. „Dort findet kaum Vorserienentwicklung statt, sondern meist nur Vorbereitung für die Serie“, so Dudenhöffer. Die Entwicklung von Dieselmotoren sei für die Zukunft ohnehin von geringer Relevanz, zumal die Franzosen ausgeprägte Dieselkompetenz haben. Bei Neuzulassungen verliert der Diesel.

Zuletzt kündigte Opel an, die Produktion der Kleinwagen Adam und Corsa mit der nächsten Modellgeneration von Eisenach ins Opel-Werk ins spanische Saragossa zu verlagern. Im Gegenzug sollte Eisenach zur Heimat des kompakten Geländewagens Mokka werden. Ob die SUV-Pläne für den Standort in Thüringen auch nach einem Verkauf Bestand hätten, ist offen. Die Vereinbarung über eine Beschäftigungssicherung für die deutschen Opel-Werke ist 2016 ausgelaufen.

Für GM wäre der Rückzug aus Europa die Konsequenz aus jahrelangen Verlusten auf dem Markt. Auch im abgelaufenen Geschäftsjahr machte Opel erneut rund 257 Millionen Dollar Verlust. Zuletzt musste Opel-Chef Neumann eingestehen, dass er erst ab 2018 wieder mit schwarzen Zahlen rechne. Offenbar scheint der Mutterkonzern in den USA so lange nicht warten zu wollen.

Dagegen würde eine Übernahme von Opel nicht so recht zur bisherigen internationalen Strategie von PSA-Konzernchef Tavares passen. Der hat das Unternehmen vor allem auf Profitabilität getrimmt, um endlich wieder die Mittel für die dringend nötige Erneuerung der Modellpalette zu haben. Einen großen Zukauf hatte er bislang ausgeschlossen. Geografisch setzt Tavares auf die Stärkung der Präsenz außerhalb von Europa. Erst vor wenigen Tagen gab er ein Joint Venture in Indien bekannt.

GM könnte sogar „draufzahlen“

2013/14 war PSA knapp an der Pleite vorbeigeschrammt. Weil die Familie Peugeot keine Kapitalerhöhung stemmen wollte, wurden der Staat und der chinesische Partner Dongfeng als gleichberechtigte Aktionäre aufgenommen. Die französische Regierung sagte am Dienstag, sie unterstütze Gespräche über eine Vergrößerung von PSA, falls es keine Auswirkungen auf Arbeitsplätze gebe. Frankreich wählt in zwei Monaten einen neuen Staatspräsidenten. Jede Veränderung in einem Großunternehmen wird da sofort zum Politikum.

Schon wegen der laufenden politischen Auseinandersetzung wird die sozialistische Regierung im Hintergrund PSA dazu drängen, mögliche Jobverluste in Frankreich so weit wie möglich auszuschließen. Der Staat stellt mit Louis Gallois, dem früheren Airbus-Chef, den Aufsichtsratschef. „PSA lastet schon heute die Werke in Frankreich nicht richtig aus, da ist schwer verständlich, warum sie durch den Zukauf von Opel zusätzliche Kapazitäten schaffen sollen“, gab Thomas Baudouin vom zentralen PSA-Betriebsrat in Paris zu bedenken. 2016 hat Tavares Teile der Produktion von Frankreich in die Slowakei verlagert, wo das modernste und rentabelste PSA-Werk steht.

Als die Zusammenarbeit mit GM 2012 gestartet wurde, hatte der damalige PSA-Chef Philippe Varin kurzzeitig auch einen Blick auf Opel geworfen. Wegen zu großer Überschneidungen, Überkapazitäten und befürchteter sozialer Auseinandersetzungen wurde das nicht vertieft. Varin schloss 2012 ein großes Werk im Norden von Paris, was er vor der Wahl verschwiegen hatte.

Die Beratung Evercore ISI hält eine angemessene Bewertung des GM-Europageschäfts für schwierig, da „die Einheit seit Jahren darum kämpft, Geld zu verdienen“. Es sei nicht unrealistisch anzunehmen, „dass GM sogar Geld draufzahlt, um diese Aktiva loszuwerden“. Ähnliches war 2012 im Gespräch. Im günstigsten Fall könnte GM laut Evercore einen maximalen Preis von einer Milliarde Dollar (rund 942 Millionen Euro) erwarten, allerdings nur, wenn die Pensionsverpflichtungen nicht auf PSA übergehen. Das wäre laut den Beratern das Sechs- bis Achtfache des Ergebnisses eines sanierten GM-Europa-Geschäfts.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
Der Autor ist Managing-Editor des Handelsblatts in den USA. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Thomas Jahn
Handelsblatt / Korrespondent New York

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