Gestern verkauft, Morgen pleite
Ein Briefkasten hat keine Tasche

Ob BenQ, Kodak oder Battenfeld: Die so genannte kreative Insolvenzverschleppung per Briefkastenfirma nimmt immer größere Ausmaße an. Unternehmen greifen zu Konstruktionen, um Verantwortlichkeiten zu verschleiern und finanziellen Ansprüchen auszuweichen. Neuestes Beispiel könnte der Handyzulieferer Balda sein. Ein besorgniserregender Trend.

DÜSSELDORF. Sie arbeiten unter demselben Dach, aber sie gehören nicht mehr zur selben Firma. 700 Männer und Frauen gehen täglich ein und aus in der Bergkirchener Straße 228 in Bad Oeynhausen. Sie öffnen morgens dieselbe Eingangstür, essen mittags in derselben Kantine. Doch nur 200 von ihnen zählen noch zur Balda AG. Die anderen 500 haben seit kurzem einen Eigentümer, der ihnen unheimlich ist: einen Briefkasten.

Mehr ist sie nicht, die KS Plastik Solutions GmbH in Schondorf am Ammersee. Seit dem 15. Januar ist die Firma beim Amtsgericht Augsburg verzeichnet, doch eine Telefonnummer fehlt. Das passt, denn es gibt auch kein Telefon, keine Sekretärin und keinen Schreibtisch. Weder die Telekom noch das Gewerbeamt finden unter dem Stichwort "KS Plastik Solutions" einen Eintrag. "Wir wissen nicht, was da gespielt wird", sagt Balda-Betriebsrat Andreas Kröger. "Aber es scheint nichts Gutes zu sein."

Kreative Insolvenzgestaltung. So nennt Klaus Kollbach das, was ihm immer häufiger auf den Schreibtisch kommt. Der langjährige Insolvenzspezialist beobachtet einen Trend, der dem Rechtsanwalt Sorge macht. "Seit einigen Jahren greifen Unternehmen gezielt zu Konstruktionen, um die Verantwortlichkeiten zu verschleiern", sagt Kollbach. "Mal will man finanziellen Ansprüchen ausweichen, mal nur schlechte Presse vermeiden. Aber immer steht der Vorwurf der Insolvenzverschleppung im Raum."

Die Zahl der Beispiele häuft sich.

Beispiel BenQ: Im Oktober 2005 verkaufte Siemens seine Mobiltelefonsparte mit 7 000 Mitarbeitern an den BenQ-Konzern aus Taiwan. Gemeinsam verkündeten die Partner große Zukunftspläne. Ein Jahr später beantragt BenQ die Insolvenz. Dabei kommt raus, dass die Gesellschaft, in die das Siemens -Geschäft einging, ein Stammkapital von nur 25 000 Euro hat. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen Insolvenzverschleppung.

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