Gewinne brachen 2002 um mehr als 40 Prozent ein
Konzerne sind für den Aufschwung gerüstet

Stimmungsumschwung in Deutschland: Noch vor zwei Monaten hatten die Deutschen Angst vor einer Rezession. Jetzt sehen die meisten Konjunkturforscher den lang ersehnten Aufschwung vor der Tür. Große ausländische Investmentfonds reagieren auf Wachstumshoffnungen und kehren an den Finanzplatz Deutschland zurück.

DÜSSELDORF. Und die US-Risikokapitalfirmen Bain und Providence helfen Haim Saban bei der Übernahme von Pro Sieben Sat 1, Carlyle, Blackstone und Kohlberg Kravis Roberts kämpfen um MTU.

David Bowers, Anlagestratege der US-Investmentbank Merrill Lynch, ist überzeugt, dass „die deutsche Wirtschaft den Tiefpunkt erreicht hat“. Auch DIT-Fondsmanager Benny Gärtner liefert Argumente für eine Trendwende: „Die Schwächung der IG Metall, die Agenda 2010, die Gesundheitsreform und die vorgezogene Steuerreform.“

Mit einem Plus von mehr als 50 % seit März hat der Deutsche Aktienindex die übrigen großen Börsenindizes in der Welt abgehängt. Ganz vorn mit dabei bei den größten inländischen Kursgewinnern: Metro, BMW, Thyssen-Krupp, Siemens und VW – fünf der zehn größten deutschen Konzerne. Deutschlands Unternehmen sind für den Aufschwung gerüstet. Sie haben ihre Kosten gesenkt, Effizienzreserven mobilisiert und ihre Portfolios weitgehend bereinigt.

Noch nicht im Griff haben sie allerdings den starken Euro, der den Exportweltmeister Deutschland auf dem US-Markt sowie in Asien behindert. In vielen Konzernen – etwa bei Bayer und BASF – bremst die Dollarschwäche das Gewinnwachstum. Doch auch wenn einige Auguren vor einer Phase „irrationalen Überschwangs“ warnen: Nicht nur die Stimmung, auch die Zahlen dürften im zweiten Halbjahr besser werden.

2002 dagegen war für Deutschlands 100 größte Unternehmen ein schwieriges Jahr. Ihr kumulierter Umsatz wuchs zwar um 4,2 % auf 1, 47 Bill. Euro. Aber der Gewinn brach ein: um 42,8 % auf 13,9 Mrd. Euro. Die Umsatzrendite halbierte sich von 1,7 auf 0,9 %. Einziger Lichtblick: Im europäischen Vergleich ist das gar nicht so schlecht. Die Umsatzmarge der 500 größten Konzerne Europas schrumpfte von 2,5 auf 0,7 %.

Deutscher Meister im Geldverbrennen war im vorigen Jahr die Deutsche Telekom. Abschreibungen auf die UMTS-Lizenz sowie auf zu teuer gekaufte Auslandsbeteiligungen mündeten in einen Verlust von 24,6 Mrd. Euro. Schon die knapp 3,5 Mrd. Euro Verlust im Jahr davor waren rekordverdächtig gewesen. Jetzt versucht der neue Konzernchef Kai-Uwe Ricke, die Telekom durch Schuldenabbau und drastische Personalreduzierung wieder profitabel zu machen.

Auf Platz zwei bis vier bei den größten Verlustbringern landeten die Deutsche Bahn sowie die Automobilbauer Opel und Ford. Zumindest bei Opel zeigen der harte Sparkurs und erfolgreiche neue Modelle aber bereits Wirkung. Die Rüsselsheimer schreiben wieder schwarze Zahlen. Jüngste Absatzzahlen von VW, Porsche und BMW lassen allerdings befürchten, dass die Branche insgesamt noch nicht über den Berg ist.

Das gilt auch für das mit Abstand größte deutsche Unternehmen, Daimler-Chrysler, das mit 4,7 Mrd. Euro 2002 auch den höchsten absoluten Gewinn erwirtschaftet hat. Die Umsatzrendite von 3,1 % liegt aber deutlich unter der guter Daimler-Jahre.

Auf Platz zwei der Topverdiener landete die Hamburger Beteiligungsholding Tchibo. Sie schaffte das Kunststück, aus 3 Mrd. Euro Umsatz 3,5 Mrd. Euro Gewinn zu machen. Dieser stammt aber zum größten Teil aus dem Verkauf des Zigarettenherstellers Reemtsma. Die Eigentümer, die Industriellenfamilie Herz, streiten um die künftige Ausrichtung des Konzerns. Die Folge könnte sein, dass Tchibo seinen 30,4 %-Anteil an Beiersdorf verkaufen muss, statt den Hautpflegespezialisten komplett zu übernehmen.

Auch große börsennotierte Konzerne schichten ihr Portfolio um. Auf dem Weg zum lupenreinen Energiekonzern trennt sich beispielsweise das Industriekonglomerat Eon – entstanden aus der Fusion von Veba und Viag – von allen Beteiligungen außerhalb des künftigen Kerngeschäfts. Gleichzeitig kauft der Düsseldorfer Konzern groß ein: etwa den britischen Stromversorger Powergen und die Essener Ruhrgas. Der drastische Umsatzrückgang bei Eon – der Konzern fiel in der Rangliste der größten deutschen Unternehmen von Platz vier auf elf – ist deshalb nur eine Momentaufnahme. In diesem Jahr werden die Düsseldorfer wieder einige Plätze nach oben klettern.

Auch der erstmals in der Liste auftauchende Name Vattenfall Europe ist Folge der Neuordnung in der Energiebranche: Der schwedische Konzern hat sich mit dem Kauf der Hamburger HEW, der Berliner Bewag und den beiden ostdeutschen Unternehmen Veag und Laubag auf den dritten Platz in der Branche katapultiert.

Einen großen Sprung nach vorn gemacht hat auch Aldi: von Rang 19 auf Platz 13 der deutschen Großunternehmen. Auch bei den Gewinnen dürfte der Mülheimer Discounter einen Spitzenplatz belegen – exakte Zahlen nennt Aldi freilich nicht. Branchenkenner beziffern die Umsatzrendite jedoch auf komfortable 5 %. Macht bei 32,5 Mrd. Euro Umsatz 1,6 Mrd. Euro Gewinn.

Wer gut ist im Handel, dem kann auch die allgemeine Konsumunlust nichts anhaben. Das beweist eine andere Familienfirma: Die Düsseldorfer Bekleidungskette C&A verbuchte bei einem minimalen Umsatzplus einen satten Gewinnanstieg von 242,4 %. Und der resultiert – anders als bei Tchibo – allein aus dem operativen Geschäft.

Quelle: Handelsblatt

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
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